2011-01-02

Predigt über Johannes 1,43-51 / Pfarrer Matthias Adt, Dusslingen

Wir hören Gottes Wort aus Johannes 1,43-51: ...

 

Liebe Gemeinde,
haben Sie als Kind auch manchmal Schnecken mit einem Grashalm geärgert? Schon eindrucksvoll, wie schnell sie sich zurückziehen können in ihr Haus. Interessant, wie lange sie brauchen, bis sie dann die Fühler wieder ausstrecken.
Vorsicht, Verletzungsgefahr. Das lernt die sonst langsame Schnecke schnell. Vorsicht, Verletzungsgefahr. Das lernt auch unsereins schnell. »Es ist viel Kälte unter den
Menschen, weil wir uns nicht getrauen, so herzlich sich zu geben, wie wir eigentlich sind.« stellte der Urwald-Doktor Albert Schweitzer fest.


Da ist Ralf. Er tritt aus der Kirche aus. Der Pfarrer schreibt ihm einen Brief: Warum? Er schreibt zurück: Hab 30 Jahre lang so oft eins auf die Mütze gekriegt. Keiner hilft mir. Ich muss für mich selber sorgen.
Ich mach nirgends  mehr mit. Deshalb gehe ich. Ralfs Schneckenhaus heißt Selbstmitleid.
Da ist Erika. Komm doch mit, laden die Freundinnen sie ein. Aber sie will nicht. Ich wurde so oft ausgelacht. Ich hatte so oft Misserfolg. Ich geh gar nirgends mehr hin. Erikas Schneckenhaus heißt Schüchternheit. 


Da ist Erwin. Er geht nicht mehr wählen. An Wahltagen geht er ins Grüne. Die Politiker machen doch sowieso, was sie wollen. Die spielen doch sowieso nur »Hugoles« mit uns, also warum soll ich denen eine Stimme geben? Erwins Schneckenhaus heißt Trägheit. Gedankenlosigkeit.
Da ist N. Er hat nichts von Ralf. Nichts von Erika und nichts von Erwin. Er ist engagiert. Er ist zuverlässig.
Er ist fleißig. Er ist ein kirchlicher Mann.
Er ist religiös. Fromm. Kirchlich. Eindrucksvoll. Aber irgendwie wird man nicht so richtig warm mit ihm. Und  irgendwie ist er nicht glücklich. Sein Charakter sprudelt nicht voller Freude und Wärme. Er starrt eher voller  Kälte und Sarkasmus. Auch N. lebt im Schneckenhaus. Sein Schneckenhaus heißt Skepsis.


Er kennt doch die Kirche. Da wird doch auch nur mit Wasser gekocht. In religiösen Dingen gibt es keine gewissen Sachen, da gibt es nur Stochern im Nebel. Er tut seine religiöse Pflicht. Nicht mehr und nicht weniger. Das gehört sich so.
N. hat einen Bruder. Der heißt Philipp.
Eines Tages kommt Philipp  zu seinem Bruder.  Besser gesagt: Er rennt zu seinem Bruder. Atemlos keucht er und kann kaum reden:
»Du, stell dir vor, wir haben den gefunden, nach dem wir immer gesucht haben. Der den Frieden bringt. Wir haben den gefunden, der das Loch im Herzen füllt. Wir haben den gefunden, für den sich zu leben lohnt. Wir haben den Messias gefunden.«
»Ach, das ist ja spannend. Wo denn?«
»Sein Vater hat die Schreinerei in Nazareth. Aber da arbeitet er momentan nicht mehr…«
Philipp kann gar nicht weiter reden, denn mit einem spöttischen Grinsen unterbricht N. seinen Bruder.
»Aus Nazareth. Ach ja, aus Nazareth. Sonst noch was?«
Kennen Sie das, liebe Gemeinde? Aus Nazareth. Aus Willow Creek. Aus Bad Boll. Aus Liebenzell. Aus Rom. Aus der und der Partei. Aus der und der Familie. Aus der und der Ecke. Kennen wir doch alles. Ist doch alles nichts Neues. Kalter Kaffee.
Lass mich doch mit deinen Neuigkeiten in Ruhe.
Lass mich in Ruhe in meinem Schneckenhaus.
Wie heißt eigentlich Ihre Schneckenhaus-Aufschrift? Kennen Sie Ihren Schneckenhaus-Spruch?


»Eigentlich hast du Recht, aber bei mir ist das kompli-ziert.« – »Hat doch alles keinen Wert.« – »Ich hab die Schnauze voll.« – »Übertreib’s mal nicht. » – »Mit dem, mit der rede ich nie wieder.«


Bis hierher erleben wir die Geschichte fast täglich, liebe Gemeinde. Und oft endet sie hier. … und Philipp drehte sich um, verdrehte kurz die Augen und verschwand wieder. N. bruddelte noch ein bisschen vor sich hin und ging dann wieder seiner Arbeit nach. So könnte die Geschichte enden. Tut sie aber nicht!
Interessant ist, wie die Geschichte NICHT weitergeht.
Jetzt könnte ja so ein richtig nettes Streitgespräch entstehen, ob nun aus Nazareth was Gutes kommen kann oder nicht. Über den Sinn und Unsinn von Vorurteilen. Doch Philipp ärgert sich nicht. Er hält sich nicht an N.’s Vorurteil auf.
Oder Philipp könnte den Oberlehrer spielen. Aber er hält  keinen gescheiten Vortrag über Nazareth und seine glänzenden Helden.


Oder Philipp könnte resignieren. »Au Mensch, eigentlich hast Du Recht. Aus Nazareth kam tatsächlich noch nichts Gutes. Ich hab mich wohl geirrt.« Doch er lässt sich auch nicht verunsichern.
Er versucht N. Lust auf Leben zu machen »Komm und sieh!« sagt Philipp. Er belehrt nicht, er schimpft nicht, er zwingt nicht, er argumentiert nicht. Er lädt ein. Er ver-sucht dem N. Lust auf Leben zu machen. Er lädt N. ein, etwas zu erleben.
Das hat er übrigens von Jesus gelernt. Wenn Jesus Men-schen einlädt, haben die zurückgefragt: »Wo wohnst du, was machst du, was willst du, wo geht’s denn hin?«
Und die  Antwort von Jesus war oft einfach: »Komm und sieh!« – »Also: komm und sieh«, sagt Philipp.
N. fährt ganz, ganz vorsichtig seine Fühler aus dem Schneckenhaus.


An dieser Stelle geschieht etwas Eigenartiges. Bevor N. kommen und irgendetwas sehen kann, ist Jesus zu ihm gekommen und hat ihn gesehen. Typisch Jesus. »Du, ich hab dich gesehen«, sagt Jesus, »unter dem Feigenbaum«.
Was war unter dem Feigenbaum? Wir wissen es nicht. War das der Moment, wo N. endgültig beschlossen hat, auszureisen nach innen? Auszuwandern ins Schnecken-haus? War das der Moment, als er beschlossen hat, Gottes Gebot zu brechen? War das der Moment, wo er voller Zweifel gestöhnt hat: »Gott, wenn’s einen Gott der Liebe gibt, wo bist du?« Oder war es der Moment, wo N. seine Lebenssehnsucht einmal zuließ und zu Gott sagte: »Du, wenn es dich gibt, dann will ich keine Sekunde mehr ohne dich leben...« Oder war es intensives Bibelstudium mit der faszinierenden Ahnung: »Mensch, wenn das wahr wäre…«


Wir wissen es nicht, aber eines wissen wir: N. dachte, er wäre allein. Unbeachtet und unbeobachtet.
Und jetzt weiß er: »Das war ein Irrtum. Ich war nicht allein. Der, der als einziger ins Herz sehen kann, der war da.« Er weiß, Jesus war da. Genau so real, wie er jetzt da ist.
Was geht N. jetzt durch’s Herz? »Beschenkt« – ein Augenblick größten Glücks? »Ertappt« – ein Augenblick der Schulderkenntnis? »Getröstet« – ein Augenblick größter Erleichterung? Vielleicht von allem etwas?


Auf jeden Fall haut´s den N. um! Jesus spielt das Spiel »Ich sehe was, was du nicht siehst« – Doch er spielt es auf seine Weise: Ich sehe was, was du nicht siehst, und das ist dein Herz. Jesus sieht dahin, wohin sonst gar nie-mand sehen kann. Er sieht dahin, wohin sonst gar nie-mand sehen will.


N. vergisst alle Vorsicht, er vergisst völlig, dass er ja geschworen hat, nie mehr sein Schneckenhaus zu verlas-sen. Ganz weit streckt er die Fühler aus; lehnt sich weit aus dem Schneckenhaus: »Jesus, du bist Gott!«
»Ich brauche mein goldenes Schneckenhaus nicht mehr. Du bist mein Schutz. Ich will mich nicht mehr verkrie-chen in mir selber. Du hast Großes vor mit mir. Ich will nicht mehr zusammengekrümmt herumliegen. Ich will von dir das Leben lernen.«


»Komm und sieh« – das klingt so anders als die Befehle, die N. bisher gehört hat: »Friss oder stirb!« – »Schweig und gehorche!« – »unterschreibe und zahle!«
Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung. So sagt es der Volksmund. An diesem Tag erfährt N. noch etwas Wichtigeres: Christuserkenntnis ist der erste Schritt zur Selbsterkenntnis.
Zum ersten Mal in seinem Leben fühlt N. sich abgrund-tief durchschaut. Zum ersten Mal im Leben fühlt er sich abgrundtief geliebt. Zum ersten Mal fühlt er sich völlig verstanden. Das hat er so noch nie erlebt. Nicht einmal mit seinem besten Freund. Nicht mit seiner Mutter und nicht mit seiner Frau.
Plötzlich weiß er: »Was ich bisher gelebt habe, war nur
ein kleiner Hauch. Jesus will mich füllen mit Frieden.
Mit Mut. Mit Vertrauen.« Skepsis und Kälte sind weg-
geschmolzen wie eine Eisblume in der Wärme.


Wie gesagt, er hat noch gar nichts gesehen. Das einzige, was er bisher getan hat, ist: Er hat vier Sekunden lang Jesus zugehört. Das einzige, was er bisher weiß, ist:
»Jesus sieht mich. Er kennt mich. Er schätzt mich außerordentlich.«
Er müsste jetzt eigentlich gar nicht mehr sehen. Darf er aber: »Was gibt es denn zu sehen?«
»Oh, es gibt noch viel zu sehen«, sagt Jesus. Und Jesus erinnert den N. an einen uralten Traum. Den berühmten Traum des Jakob. Jakob träumte  vom offenen Himmel und der Leiter, auf der Gottesboten auf und ab tanzen. »Was Jakob träumte«, sagt Jesus, »ist jetzt Wirklichkeit: Der offene Himmel.«


Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab – hoffte und weissagte Jesaia. Jetzt ist es Wirklichkeit.
Jetzt ist klar geworden, liebe Gemeinde, warum diese Geschichte eine Woche nach Weihnachten dran ist. Für viele ist Weihnachten ja bereits wieder vorbei und ab-gehakt.
Bei N. wird’s jetzt erst Weihnachten: Wer vor Jesus steht, dem ist der Himmel offen. Vom Himmel hoch, da kommt er her. Heut schließt er wieder auf die Tür zum schönen Paradeis.
Und N. kann nur staunend beten: »Nichts, nichts hat dich getrieben zu mir vom Himmelszelt als das geliebte Lieben, damit du alle Welt in ihren tausend Plagen und großen Jammerlast, die kein Mund kann aussagen, so fest umfangen hast.«


In einer württembergischen Kirchengemeinde ist eine Stelle ausgeschrieben. Eine Reinigungskraft wird gesucht. Viele Bewerberinnen. Der Personalchef fragt alle: »Warum haben Sie sich ausgerechnet hier beworben?«


Eine Frau beginnt zu erzählen: »Vor kurzem bekam ich Kontakt zu Christen. Je mehr ich sah, desto mehr kam ich ins Staunen. Da war ein Strahlen, das ich bisher noch nie so erlebt hatte. Da war ein anderer Umgang. Da war die Rede von Jesus. Ich merkte, das Leben dieser Leute hat etwas mit ihm zu tun. Deshalb will ich hier mitarbeiten. Ich will ihn besser kennen lernen.«
»Komm und sieh!«   Amen.
 




Dieser Artikel wurde von Pfarrer Bühner erstellt.

21.11 - 21.11.2108
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