2010-11-07

Predigt über Römer 14,7-10 / Prälat Ulrich Mack, Stuttgart 

Wir hören Gottes Wort für diesen Sonntag aus Römer 14,7-97 Denn unser keiner lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber. 8 Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn. 9 Denn dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, dass er über Tote und Lebende Herr sei. 10 Du aber, was richtest du deinen Bruder? Oder du, was verachtest du deinen Bruder? Wir werden alle vor den Richterstuhl Gottes gestellt werden.“

 

Liebe Gemeinde,

es gibt Wörter, die ihren Sinn total verändern, wenn man ein K weglässt: wenn man bei Kanne das K streicht, wird daraus die Anne, aus Kerbe der Erbe, aus kalt wird alt.

In den Versen aus dem Römerbrief ist es genauso. Streicht man ein K, verändert sich alles: »Unser keiner lebt sich selber« – was wird daraus?: »unsereiner lebt sich selber«.

Das Problem ist nun: da bleibt es nicht beim Wortspiel. Das ist unser Lebensspiel – dieses K zu streichen. 

 

»Unsereiner lebt sich selber«.

Paulus hat diese Lebenshaltung beobachtet. Er war damals in Ländern unterwegs, in denen man nicht nur griechisch sprach, sondern auch griechisch dachte. Und die griechische Mainstream-Philosophie jener Zeit behauptet: Unsereiner lebt sich selber. Der freie Grieche ist autonom – in diesem Wort steckt »autos«, das heißt »selbst«,  und: »nomos«, das »Gesetz«: also jeder Mensch lebt nach seinem Lebensgesetz. Nur ein Sklave ist damals nicht autonom. Aber unsereiner lebt sich selber – das hätte jeder freie Grieche zur Zeit des Paulus unterschreiben können.

 

Nur zur Zeit des Paulus? Wir im modernen Europa des 21. Jahrhunderts sind von diesem Denken geprägt. Es ist kein Wunder, dass, wenn wir ein Verb deklinieren, zuerst das »Ich« kommt: »Ich, du, er sie es ..«. Das Ich kommt zuerst, das eigene Selbst steht in der Mitte und im Zwei-felsfall ist sich jeder selbst der Nächste. Zwar haben wir einen Sozialstaat mit Renten und Sozialhilfe, wir haben eine Diakonie, die sich auch um Schwache kümmert, wir haben weltweite Katastrophenhilfen und viele Menschen, die dafür spenden. Und dennoch tickt das Lebensgefühl unserer modernen Welt nach dem Denkmuster: »Erst komme ich, meine Gesundheit, meine Familie, meine Meinung, meine Arbeit, mein Glück.« Unsereiner lebt sich selber.

 

Aber Paulus setzt dagegen: Leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Das setzt er dem Ich-bezogenen Denkmuster entgegen. Ein Christus-zentriertes Leben beschreibt er. Daran erinnert er. Das mahnt er an. Und warum tut er das gerade hier im Römerbrief so leidenschaftlich? 

 

Sehen wir, warum Paulus das hier schreibt: In Rom gab es Probleme in der Gemeinde. Da hatten sich zwei Gruppierungen so richtig in der Wolle. Sie hatten ganz unter-schiedliche Meinungen – zum Beispiel darüber, was man essen darf: muss das »koscher« sein, also den Reinheits-vorschriften des Alten Testaments entsprechen? Oder nicht? Darf man als Christ auch Fleisch essen, das vorher schon dem Jupiter geweiht war oder einem anderen römi-schen Gott? An deren Tempeln wurden Tiere zuerst den Götzen geopfert, dann geschlachtet, und das Fleisch wurde neben den Tempeln günstig verkauft. Ob Christen das essen dürfen – darüber gab es Auseinandersetzungen. Oder auch um die Feiertage: Welche jüdischen Feste soll man halten, welche nicht? Welche Fastenzeiten muss ein Christ einhalten? Auch darüber und noch über weitere Fragen waren die Gruppierungen in der Gemeinde uneins. Der Streit hatte sich vermutlich zwischen ihnen festgesetzt. Die spannende Frage war nun: Wie nimmt der berühmte Missionar und Lehrer Paulus dazu Stellung? 

 

Nun, Paulus hat da eine klare Meinung. Er gibt der einen Gruppe recht, die sagt: wir sind doch als Christen frei – und überhaupt: Christsein hängt nicht am Essen; Götzen-opferfleisch zu essen ist also an sich nicht unchristlich. Christsein hängt auch nicht an Feiertagen. Es hängt nicht daran, wie viel jemand fastet oder nicht. Diese Meinung vertritt Paulus in diesen Streitfragen.

 

Aber das ist nicht das Wichtigste, was er den Christen in Rom schreibt. Entscheidend ist etwas ganz anderes. Und das schreibt Paulus nun in diesen Versen. Abgesehen von seiner Meinung gibt er den beiden Gruppen etwas Grundsätzliches zu bedenken. Er sagt: Diese Fragen über Nahrung und Feiertage und äußere Fragen der Lebensgestaltung – die sind eigentlich zweitrangig; da könnt ihr ruhig unterschiedlicher Meinung sein, das wird es in Gemeinden immer wieder geben. Aber eine Frage ist wichtiger als alle anderen: Wem gehört ihr? Wem lebt ihr? Für wen setzt ihr euch ein? Für euch selbst, für eure Ehre, für eure Ansicht? Lebt ihr euch selbst? Autonom? Oder lebt ihr für Christus, von ihm her und auf ihn zu?

 

Das ist die entscheidende Frage, vor die Paulus die Christen in Rom und uns heute stellt. 

 

Was geschieht denn, wenn das »K« fehlt? Wenn wir nur uns selber leben? 

Dann sind wir bald in der Gefahr, dass sich alles um uns drehen und nach unserer Meinung richten muss. Dann sind wir kaum in der Lage, andere Lebensstile und Gewohnheiten von Mitchristen fröhlich zu akzeptieren. Wir sind dann schnell am Richten und Urteilen, wenn wir anderen Essgewohnheiten, einem anderen Kleidungsstil oder einem anderen Musikgeschmack begegnen.

 

Leben wir nur uns selber, dann suchen wir zuerst unser eigenes Glück. Dann sind wir schnell in der Ehre ver-letzt, und das Vergebenkönnen fällt schwer. Wie viele seelische Verkrustungen in Familien oder Gemeinde-gruppen folgen, wenn das »K« fehlt?!

Leben wir nur uns selber, dann kann uns, wenn wir die Gedankenlinie ausziehen, der Mitmensch eigentlich egal sein, ob der Mitchrist in der Gemeinde mit seinen anderen Ansichten oder der Mitmensch, der in einem afrikanischen Hungergebiet verzweifelt oder in unserer Nachbarschaft vereinsamt. 

 

Leben wir uns selber, dann kreisen wir letztlich um uns selbst, fühlen uns für unser Glück verantwortlich, jagen ihm darum nach, und dann drehen wir uns um unsere Sorgen, sind in uns selber verkrümmt. Luther sprach lateinisch vom »homo incurvatus in se ipsum«, vom »in sich selbst verkrümmten Menschen«, verkrümmt in sein Wollen und Versagen, in sein Suchen und seine Schuld.

 

Wenn wir nur uns selbst leben, dann klingt das für den Griechen und für den modernen Europäer stolz und auto-nom, aber Paulus zeigt: dann sind wir am Ende arm dran. Dann haben wir Angst vor dem Kranksein und Panik vor dem Sterben, denn spätestens im Tod hört es auf: das ›sich selber leben‹. Und wem gehören wir dann?

 

Paulus setzt dem selbstbezogenen Denken das biblische Glaubenswissen entgegen: Leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Er hält fest: Ob wir leben oder sterben, wir gehören dem Herrn.

 

Das gehört zum Christsein: wissen, wem man im Leben und Sterben gehört. 

Dann heißt die erste Frage nicht: was bist du und was kannst du? Sondern: wem gehörst du? So wie man es früher im Schwäbischen fragte, wenn man ein Kind traf. Da fragte der Schwabe nicht: »Wer bist du?«, sondern: »Wem gehörst (g’hörsch) du?«, also: Von wem stammst du ab? Wo gehörst du hin? Wo bist du daheim?

Leben wir, so leben wir dem Herrn, stellt Paulus klar. 

Zu ihm, Jesus Christus, gehören wir. Von ihm stammen wir und bei ihm sind wir am Ende daheim. 

 

Für Paulus sind das nicht billige Worte. Dass wir dem Herrn gehören, hat Jesus selbst teuer bezahlt. Er hat sein Leben dafür gegeben. Paulus sagt ausdrücklich: Dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, dass er über Tote und Lebende Herr sei.

 

Dass wir ihm gehören im Leben und Sterben, das ist teuer bezahlt. Das gilt auch dann, wenn wir versagt haben und wenn wir schon manche Brüche und Zerbrüche erlebt haben. 

 

Bei Ausgrabungen im antiken Olympia in Griechenland stieß man auf die Werkstatt eines berühmten Bildhauers namens Phidias. Der Boden der Werkstatt war mit Ton-scherben bedeckt. Und da lag unter vielen anderen Scherben auch der Boden eines Bechers. Auf seiner Un-terseite waren zwei Worte eingeritzt: »eimi phidiou« – »ich gehöre dem Phidias«. Selbst die zerbrochene Scher-be trägt noch den Namen ihres Besitzers und Herrn.

 

Selbst wenn unser Leben aus Scherben besteht – es gilt: Wir gehören dem Herrn. Auch wenn wir an Gott und Menschen schuldig geworden sind: Wir gehören dem Herrn, der uns mit der Kraft seiner Vergebung weiter führt. Auch wenn unser irdisches Leben einmal zu Bruch geht, bleibt es dabei: Wir gehören dem Herrn. Wenn er uns einmal aus dieser Welt ruft, gilt: Sterben wir, so ster-ben wir dem Herrn. Wir sterben dann auf ihn zu und nicht in ein Nichts.

Diese weite Perspektive zeigt Paulus in diesen Versen. Er schreibt es den Christen in Rom, die sich in Meinungsverschiedenheiten verheddert haben. Und er möchte, dass sie es nun durchbuchstabieren: Was heißt es, dass wir nicht uns selbst, sondern dem Herrn leben? Das hat ja Folgen in unserem Miteinander und im persönlichen Leben.

Leben wir mit Christus und für ihn, dann darf fröhlich alle verkrampfte Selbstbezogenheit aufhören. Dann hat alles falsche Sorgen um uns selbst keinen Anspruch mehr darauf, uns traurig zu stimmen.

 

Leben wir dem Herrn, dann müssen wir uns nicht dauernd rechtfertigen – ob in der Ehe oder in der Gemeinde, sondern wir können Fehler zugeben und einander vergeben.

Leben wir mit Christus und für ihn, dann können wir mit uns selbst und mit unseren Mitmenschen barmherziger umgehen, auch wenn sie eine andere Meinung haben. 

Paulus zeigt es den Gruppen in  Rom konkret, den Christen, die sich in unterschiedliche Meinungen zerstritten haben. Er selbst hat seine theologische Meinung zu den Streitfragen. Christsein hängt nicht an Essensregeln oder an Feiertagen und Fastenzeiten. Aber jetzt schreibt er an die, die genau so denken: Vergesst nicht, dass ihr nicht für eure Meinung lebt, sondern für Christus. Das bedeutet: Wenn andere Christen sich schwer tun mit Fleisch vom Tempel, dann habt doch die Freiheit, auch selbst darauf zu verzichten. Wenn eure Schwestern und Brüder in der Gemeinde andere Gewohnheiten und Stile praktizieren, dann vergesst nicht, dass ihr miteinander zu Christus gehört – und das ist allemal wichtiger als äußere Lebensformen. 

 

Das in unseren Alltag zu übersetzen – damit sind wir nie ganz fertig. Wir haben es jeden Tag neu durchzubuchstabieren – nicht als einengenden Zwang, sondern als Übung des Freiwerdens aus dem In-sich-selbst-verkrümmt-Sein hin zum aufrechten Gang des Christen, der weiß, dass er Christus gehört. Trotz allem, was dagegen spre-chen will. Und der dann nicht zuerst fragt: Wie sorge ich für meine Ehre, für mein Rechthaben, für mein Glück? Sondern der fragt: Wie kann ich heute mit ihm und für ihn leben, der für mich gestorben und auferstanden ist? Wie kann er mich brauchen? Zuhause und im Beruf und in der Gemeinde und darüber hinaus. 

 

Bei Konfirmationen wurden früher und werden manch-mal noch heute diese Verse aus dem Römerbrief von den Konfirmanden aufgesagt. Sie sollen als ein Leitwort in das Leben mitgehen und immer wieder daran erinnern: Unser keiner lebt sich selber. Oder wollen Sie das K weglassen?   Amen




Dieser Artikel wurde von Pfarrer Bühner erstellt.

21.11 - 21.11.2108
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Gottesdienst in Schwann (Pfarrer Schwarze)
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Montag, 24.12.2018
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