2010-10-31 Reformationsfest

Predigt über Römer 3,21-26 / Pfarrer Friedhelm Bühner

Liebe Gemeinde, liebe Konfirmanden, 

wir denken heute am Reformationsfest besonders an den Mann, 

der heute vor 493 Jahren seine 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche

von Wittenberg angeschlagen hat: Martin Luther. 

Und damit an ein Ereignis, das eine weltweite Bewegung ausgelöst hat, 

die bis heute wirksam ist, die Re-formation, 

vom latein. Wort „reformare“ (erneuern) abgeleitet, 

meint „Reformation“ eine Erneuerungsbewegung der Kirche, 

ein Zurück zu Jesus Christus, 

zu Gottes leidenschaftlicher Liebe, die um uns ringt

und weg von dem, was Menschen dazu gedichtet haben. 

 

Heute ist diese Bewegung für viele Menschen längst uninteressant

geworden, sie lassen sich lieber zu „Halloween“-Partys einladen und merken

gar nicht, was sie sich damit ins Haus holen. 

Jedenfalls nicht die Freiheit und die frohe Botschaft des Evangeliums, 

die Martin Luther für uns neu entdeckt hat. 

Da geht es um Geister und Fratzen von Dämonen ...

 

Viele denken sich heute „evangelisch sein“ 

vor allem als „freier sein“, „lockerer“, „nicht so streng“, 

z. B. nicht regelmäßig in die Kirche gehen müssen, 

oder nicht beichten gehen müssen. 

 

Aber: Ist das eigentlich im Sinne des Erfinders: 

„evangelisch sein“ = einen „locker gestrickten Glauben“ leben, 

„alles nicht so eng sehen“?

„jeder soll nach seiner eigenen Facon selig werden“, wie es 

der „alte Fritz“ gut preußisch-liberal-protestantisch ausgedrückt hat?

 

Dabei waren die Preußen gar nicht so liberal, 

wie auch heute liberal sein ohne feste Bindung, ohne Bibel, ohne Gott,

nicht wirklich liberal (frei) macht, sondern genau das zeigt, was wir 

Menschen von Natur aus sind: 

Egoisten, Sünder und vor Gott Verlorene. 

 

Für Luther wäre der einfache Gedanke „evangelisch sein“ =

„lockerer sein“ undenkbar gewesen!

Es hätte bei diesem populären Missverständnis damals sicher 

keine Reformation gegeben. 

Denn was ist denn daran „evangelisch“, „vom Evangelium bestimmt“?

 

Ein „protestantischer“ Glaube jedenfalls, der sich selber definiert, 

ohne aus Gottes Wort zu leben und auf Jesus zu hören, 

der ist um kein Haar besser als das, was Luther einst vorgefunden 

hat: Auch hier sprechen sich Menschen selber gerecht, 

Auch hier sind Menschen nicht weniger stolz auf ihr Tun als damals, 

brauchen sie Gottes Gnade und Gerechtigkeit nicht wirklich. 

Da „verdient“ man sie sich quasi selbst ...

 

„Wozu denn ständig in den Gottesdienst rennen?“ - diese Frage

ist von daher verständlich, aber auch erhellend, 

offenbart sie doch, von woher ich meine, vor Gott „gerecht“ dazustehen.

 

Martin Luther jedenfalls hat erfahren und erkannt:

„Gerechtigkeit vor Gott“ ist nichts selbst Erarbeitetes, 

sie kommt zu mir aus dem Hören auf das Wort Gottes

und sie entzaubert, bis heute, 

sowohl hartgesottene Atheisen 

wie Traditionalisten und nicht zuletzt selbstsicher gewordene

Protestanten ...

 

Fragen wir zurück nach der „Gerechtigkeit Gottes“ und wie sie 

unser Leben bestimmen will, und nehmen wir dazu nicht die gängigen 

Ansichten unserer Zeitgenossen zum Maßstab, sondern schauen in 

Gottes Wort! Dort steht in Römer 3, den Versen 21-26 zu lesen: 

„Nun aber ist ohne Zutun des Gesetzes die Gerechtigkeit, die 

vor Gott gilt, offenbart, bezeugt durch das (atl.) Gesetz und 

die Propheten. 

Ich [Paulus], rede aber von der Gerechtigkeit vor Gott, die da 

kommt durch den Glauben an Jesus Christus zu allen, die glauben.

Denn es ist hier kein Unterschied: Alle Menschen sind Sünder und 

haben die Herrlichkeit verloren, die Gott ihnen zugedacht hatte. 

Und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch 

die Erlösung, die durch Jesus Christus geschehen ist. 

Den hat Gott für den Glauben hingestellt als Sühne in seinem Blut 

zum Erweis seiner Gerechtigkeit, indem er die Sünden vergibt, die 

früher begangen wurden in der Zeit seiner Geduld um nun in dieser 

Zeit seine Gerechtigkeit zu erweisen: dass er selbst gerecht ist 

und gerecht macht den, der aus Glauben ist an Jesus Christus." 

 

Über dem Studium dieses Römerbriefes sind Martin Luther die Augen 

geöffnet worden: Gottes Gerechtigkeit ist eine austeilende, 

sich selbst schenkende Gerechtigkeit! 

Sie macht aus einem sündigen "Nichts" vor Gott einen gerecht-

fertigten Menschen - durch - den Glauben!

- Es muss niemand vergehen, wenn es einmal heißt, 

vor Gottes Thron bestehen zu müssen und sich 

zeigen wird, dass unser "ordentliches Leben" nicht zählt.

- Auch unsere dunklen oft so belastenden, aber auch best-

gehüteten Schattenseiten brauchen wir nicht mehr 

schön zu färben, erst recht nicht durch bestimmte 

religiöse Übungen. Gott will von uns nicht „bedient“

werden an Heilig Abend oder bei bestimmten Anlässen!

 

 

Das sind alles Lebenskonzepte, die an Gott vorbeilaufen!

Weil alle Menschen Sünder sind, ob groß oder klein macht da keinen

Unterschied, sie sind alle Sünder - und brauchen Gottes Gnade!

Uns allen fehlen die „40000 Punkte“ für den Himmel, 

wie es die Konfirmanden letztes Jahr am Buß- und Bettag vorgespielt 

haben ... Diese Punkte kann sich kein Mensch erarbeiten!

 

Gott ist auch kein Händler! 

Sondern er ist absolut gerecht und das fällt uns immer wieder 

am schwersten zu glauben: Er ist auch der, der diese Gerechtigkeit 

selber schafft".

Mit Jesus Christus, seinem Sterben am Kreuz für meine und Deine

Sünden, völlig losgelöst von meinen eigenen Anstrengungen, 

gut zu leben, die ja nicht schlecht sind. 

Aber sie sind niemals „hinreichend“!

 

„Jesus Christus hat Gott für den Glauben hingestellt als Sühne in 

seinem Blut ... [um aller Welt, mir und Dir zu zeigen, dass] Gott gerecht ist 

den gerecht macht, der aus Glauben ist an Jesus"!

 

Jesus Christus ist die Achse der Weltgeschichte!

Und wem er durch seine Gerechtigkeit ein neues Leben verschaffen 

darf, dem wird er zur Achse seines Lebens.

 

Schon mehrfach haben sich Straßenprediger in den Fußgängerzonen

unserer Städte mit 5- oder 10-Euro-Scheinen hingestellt

und sie den Passanten einfach nur verteilen wollen!

Ohne Gegenleistung!

Aber was passiert?

Nur ganz, ganz wenige nehmen sie an!

„Das gibt‘s doch nicht, da muss doch was faul sein!“, 

denken die meisten und lehnen verständnislos ab ...

 

Ganz besonders gefreut habe ich mich, 

dass es auf der Konfifreizeit anders war: Da hat nach kurzem Zögern 

wirklich ein Konfirmand zugegriffen!

Einer hat sich den Schein tatsächlich geholt ... und was noch schöner

war: Gleich drei haben sich entschieden, ab jetzt Jesus gehören zu wollen!

 

Mit der „Gerechtigkeit Gottes“, liebe Gemeinde, 

ist es wie mit dem öffentlich und realistisch angeboten Geldschein!

Da denken die Schwaben (wie die Badener): 

"Mir zahlet onser Sach!" 

„I lass mir nix schenka, des hab ich net neetig ..!“

 

Aber, was Gott uns geben will, „des kennet mir net zahla“, liebe Gemeinde!

Diese offene Rechnung kann allein ER „zahla“! 

 

Und das war‘s, was Martin Luther beim Studium der Heiligen Schrift

aufgegangen ist und wo Gottes Geist ihn darüber mit einer 

unglaublichen sonderbaren Freude ergriffen hat: 

 

„Der Glaube blickt [sagt er jetzt] unverwandt auf Christus.

Er ist auf nichts anderes gerichtet als auf Christus allein, der

die Sünde und den Tod überwunden und Gerechtigkeit, Heil 

und ewiges Leben gebracht hat".

 

Was will Luther damit sagen? 

 

Ich darf mein Leben mit allem, was es in sich birgt  (an Versagen, 

Schuld, bösen Worten und Taten), 

ob sie mir bekannt  sind oder nicht, 

vertrauensvoll Jesus in die Hand legen, 

der mir "wie in einem seltsamen Tausch" dafür alles schenkt: 

Nämlich eine "ewig-gültige Gerechtigkeit" vor Gott! 

Sein Heil für Zeit und Ewigkeit!

Ohne Gegenleistung! 

 

Und auch das ist hier wichtig: Auch ohne, dass die Kirche hier noch ihre Einschränkungen unterbringen dürfte ...

Im Mittelalter hat man da die Leute nämlich noch auf einen „Schatz der 

Kirche" verwiesen, der auch noch was abwerfen könnte ...

 

Aber Paulus sagt: Allein im Evangelium -im lösenden Wort Gottes, 

liegt dieser Schatz! 

Nirrgends sonst! 

Hier ist die Vergebung, die Menschen, wieder froh und frei macht.

Wenn Dir Dein Sündersein zur Last wird und Du Dich an 

Jesus klammerst. 

 

Aufgrund dieser Neu-Entdeckung Luthers ist das "Gerecht allein aus 

Glauben" zum Schlüsselwort des evangelischen Bekenntnisses 

geworden.

"Evangelisch" ist dabei vom griechischen Wortsinn her verstanden: 

"froh und frei machend", ist nicht etwa polemisch im Sinne von besser 

als katholisch ...

 

Aber kann man das wirklich so verstehen: "Allein aus glauben ..." 

wird ein Mensch gerecht vor Gott?

 

Ja, genau so ist es. 

Das haben die Reformatoren aus der Bibel ganz neu ans Licht befördert. 

 

Nur wenn das gilt „Allein aus glauben“, ist die Gnade nicht nur 

so was wie notwendige Ergänzung für das, was wir vor Gott trotz 

ehrlichen Bemühens eben noch als Rest schuldig bleiben, 

sozusagen großzügiger Erlass unserer Restschuld!

 

Sondern dann verdanken wir Gott immer alles!

Dann sind auch Christen gerade solche Menschen, 

die nichts als im Glauben dankbar annehmen können, 

was ihnen Gott geschenkt hat, nämlich Jesus Christus!

Zu erkennen, dass er wegen meiner Verlorenheit ans Kreuz 

gegangen ist und das als meine Rettung, als das „Gott spricht mich 

gerecht“ anzunehmen, daran hängt alles!

Was gibt es da überhaupt noch beizusteuern?

Allein Jesus Christus!

 

Das war für Martin Luther auf einmal der erlösende Schlüssel, 

mit dem sich ihm mit einem Schlag der ganze Himmel geöffnet hat.

 

Und für uns heute? 

Nimmst Du das als pure Selbstverständlichkeit?

Denkst vielleicht: Natürlich ist Gott gnädig, was denn sonst!?

Schließlich ist er doch ein Gott der Liebe!? 

 

Aber in so einem Denken versteckt sich ein gefährlicher Kurzschluss:

Nämlich, dass Gott doch immer lieb und nett sei, 

und ganz bestimmt über all unserem Tun dank seiner „Gnade“ 

immer wieder alle Augen zudrücken wird!?

 

Dietrich Bonhoeffer hat in seinem Buch „Nachfolge“ über dieses

allzu selbstverständliche Kalkulieren mit Gottes Gnade geschrieben

und er hat sie als „billige“, weil folgenlose Gnade entlarvt. 

Billige Gnade, schreibt er, ist Predigt der Vergebung ohne Buße, 

Taufe ohne Gemeindezucht, 

Abendmahl ohne Bekenntnis der Sünden.

 

Seine Worte sind ein scharfes Urteil über die Praxis, 

die sich an vielen Orten auch in unserer Kirche längst etabliert hat. 

Da geht um eine anspruchslose Praxis! 

Da geht es um das kirchliche "Absegnen" ohne Frage nach der 

Wahrheit und nach Gottes Gebot! 

Um das vielfach erwartete  "anything goes", 

alles ist möglich, auch in der Kirche.

Oder wenn leichtfertig so getan wird, als stehe die Gnade Gottes über

allem und jedem, es könne doch niemand tiefer fallen als in Gottes Hand ...

 

Abgesehen davon, dass das einfach falsch ist, 

gerinnt hier die teure Gnade Gottes unter unseren Händen zur 

"billigen Gnade" und wird letztlich zur "Wegwerfgnade" ...

Da ist das Evangelium kein Evangelium mehr ...

 

Uns Evangelischen fällt es offenbar dauerhaft schwer, diese beiden 

Gedanken auseinander zu halten: 

- dass es die Gnade Gottes nur umsonst gibt, aber

- dass Gott dafür zugleich einen hohen Preis gezahlt hat, 

    nämlich das Leben seines Sohnes Jesus Christus!

Um uns alles zu schenken, hat er alles gegeben!

Deshalb ist Gottes Gnade wirklich umsonst, aber niemals billig!

Sie fordert regelrecht dazu heraus, ein Leben lang dankbar zu sein,

sie vor den Menschen zu rühmen, weil sie so teuer ist

und niemand von uns auf andere Weise das Heil finden kann. 

 

John Newton, ein Engländer, Sklavenhändler und später Liederdichter, 

hat von Mitte bis Ende des 18. Jahrhunderts zehntausende Sklaven 

wie Vieh von Westafrika nach Nordamerika transportiert. 

 

Bis Jesus Christus und die Gnade, die sein Tod am Kreuz für uns 

Menschen bedeutet, in sein Leben gekommen ist

und er dadurch ein anderer Mensch wurde. 

Da hat er angefangen, Gottes unverdiente Gnade zu preisen, 

unter anderem mit dem bekannten Lied "Amazing grace ..."

das von der „wunderbaren Gnade“ Gottes singt. 

Er hat sie angenommen und ist ein anderer Mensch geworden. 

 

Denn die Gnade Gottes, die er erfahren hat, 

lässt ihm in der Folge keine Ruhe mehr. 

Und er kämpft an der Seite der Schwarzen gegen den Sklavenhandel, 

kann viele von ihnen aus ihrem unmenschlichen Los befreien. 

Wenige Jahre nach seinem Tod wird in England die Sklaverei abgeschafft ...

 

In seinem Leben kann man beispielhaft ablesen: 

Gottes Gnade ist immer umsonst, aber niemals wirkungslos!

Sie führt immer in die Nachfolge!

Sie verändert einen Menschen von Grund auf und treibt ihn ins Fragen

nach dem Willen Gottes. 

Die Gnade Gottes kann gar nicht anders als so nah wie möglich 

an Gott dran zu bleiben! 

Sie will seinen Willen erfüllen!

Sie will mithelfen, dass noch viele Menschen Gottes Gnade erfahren, 

Christen werden und Christus rühmen! 

 

Auch in diesem Jahr ruft uns das Reformationsfest zu den Quellen 

zurück!

Zum Ausgangspunkt der Gerechtigkeit Gottes in Jesus Christus, 

die unsere eigene Gerechtigkeit in Frage stellt.,

zum Lob seines Tuns und 

zur Umkehr dort, wo wir das Kostbare billig gemacht haben. 

Amen

 




Dieser Artikel wurde von Pfarrer Bühner erstellt.

Dienstag, 18.12.2018
19:45 Uhr:
Chorprobe im GH in Schwann
Sonntag, 23.12.2018
10:15 Uhr:
Gottesdienst in Schwann (Pfarrer Held)
Montag, 24.12.2018
15:15 Uhr:
Christvesper, Christuskirche Dennach (Pfr. Held)
16:30 Uhr:
Waldweihnacht an der Schwanner Warte: Familiengottesdienst mit Weihnachtsstück (KiGo-Team & Jan Hunsmann)
18:00 Uhr:
Christvesper, Schlosskirche Schwann (Pfr. Held)
Dienstag, 25.12.2018
9:30 Uhr:
Einsingen zum Weihnachts-GD in Schwann
17:00 Uhr:
Weihnachts-Gottesdienst in Dennach (Pfarrer Held)