2010-01-06

Predigt über Epheser 3,2-6 / Pfarrerin Dagmar Hoffmann, Stuttgart (ersatzweise)

Liebe Gemeinde,

vor wenigen Tagen hat ein neues Jahr begonnen. Der Jahreswechsel ist so etwas wie eine Grenz-Überschreitung. Alle Menschen betreten gewissermaßen Neuland. Euro-

päer und Afrikaner, Christen und Muslime, Politiker und Sportler. Den Jahreswechsel empfinden viele wie eine Grenzüberschreitung, weil sie manches unfertig zurück-lassen und unbekanntes Neuland vor ihnen steht.

Der Predigttext zum heutigen Erscheinungsfest, 6 Tage nach Neujahr, beschreibt eine ganz andere Grenzüber-schreitung. Er öffnet uns das große Geheimnis Gottes und lässt alle daran teilhaben:

– Menschen, die sich eingemauert haben in ihre Glau-benswelt mit vielen Traditionen;

– Menschen, die in großer Freiheit andere Zugänge zum Glauben haben;

– Menschen, die noch nichts wissen von der guten Nachricht.

Gottes Ökonomie und damit Gottes Welt-Geheimnis (1), wie es im Text heißt, soll am heutigen Tag allen offenbar werden.

Wir hören das Wort Gottes für diesen Festtag aus Epheser 3, 2-6:

2 ihr habt ja gehört, welches Amt die Gnade Gottes mir für euch gegeben hat: 3 Durch Offenbarung ist mir das Geheimnis kundgemacht worden, wie ich eben aufs kürzeste geschrieben habe. 4 Daran könnt ihr, wenn ihr's lest, meine Einsicht in das Geheimnis Christi erkennen. 5 Dies war in früheren Zeiten den Menschenkindern nicht kundgemacht, wie es jetzt offenbart ist seinen heiligen Aposteln und Propheten durch den Geist; 6 nämlich dass die Heiden Miterben sind und mit zu seinem Leib gehören und Mitgenossen der Verheißung in Christus Jesus sind durch das Evangelium.“

(1.) 

Am Erscheinungsfest denken wir in unserer Kirche an Mission und weltweite Ökumene.

Die Weisen aus dem Morgenland (2), magisch angezogen von einem wunderbaren Licht, erinnern daran, dass Menschen ferner Länder nach der Wahrheit suchen. Sie bringen andere Vorstellungen vom Glauben und Leben mit.

Aber – sie haben sich aufgemacht, das Kind im Stall zu suchen und anzubeten. Sie haben weite Wege auf sich genommen und Grenzen überschritten.

Auch für die Umgebung des Kindes von Bethlehem müs-sen sich Grenzen öffnen: Dass Ausländer aus dem fernen Osten mit fremder Kleidung, Kultur und Religion Platz haben an der Krippe eines jüdischen Kindes ist neu. Umdenken müssen die Menschen um Jerusalem herum auch, wenn verachtete Randsiedler der Gesellschaft wie die Hirten als erste dem Kind ihre Referenz erweisen.

Mit dem heutigen Predigttext ermutigt Paulus zu einer Grenzüberschreitung. Sie ist nötig bei denen, die meinen, sie allein hätten den richtigen Glauben gepachtet. Es ist nötig, dass sie sich öffnen für Menschen, die nichts von ihren Traditionen kennen.

Damit leuchtet das erste Licht vom Geheimnis Gottes auf: Anteil am Reich Gottes, haben alle, die aufbrechen – hin zu Christus. Nur wenn die Frommen von Jerusalem damals – und die von heute – sich auf den Weg machen nach Bethlehem, werden sie Anteil haben an Christus: Also den prächtigen Palast verlassen, um in den armseligen Stall einzutreten.

Solcher Aufbruch, solche Grenzüberschreitung, sagt Paulus, ist notwendig. In Christus, und nur in Christus, haben alle Anteil am Heil, egal woher sie kommen. In IHM sind sie Miterben all dessen, was Gott schon lange bereithält. Ein Grund zum Freuen, wenn man etwas erbt, nicht wahr? Und wenn andere auch was erben, ist die Freude umso größer.

So, wie bei der Partnerkirche des Gustav-Adolf-Werks in Siebenbürgen/Rumänien (3):

»Und am nächsten Sonntag werde ich in dieser Kirche von Birthälm konfirmiert!« Voller Freude sprudelt das aus der 26-jährigen orthodox getauften rumänischen Kir-chenburgführerin heraus. Sie erzählt württembergischen Pfarrern, dass sie Heimat gefunden hat in der kleinen evangelisch siebenbürgisch-sächsischen Kirche. Bestätigt wird das vom Bischof dieser Kirche: Er sagt: »Wir freu-en uns, dass in manchen Schulen oft mehr nicht-evangelische an unserem Religionsunterricht interessiert sind. Was Jahrhunderte lang unsere Kirche durch Tradition und Abschottung getragen hat, ist vorbei. Wir öffnen uns heute und sehen nach dem großen Exodus (4) die Zukunft für unsere Minderheitskirche in der Überwindung von sprachlichen, ethnischen und kulturellen Grenzen. Dabei geben wir unser evangelisches Profil nicht auf. Manche dieser Interessierten wollen in unserer Kirche Mitglied werden – welche Freude!« Dies ist Grenzüberschreitung und praktizierte Ökumene heute!

(2.)

Bunt gekleidete Vertreter aus den Anden mit Panflöten, dazwischen blumengeschmückte Südseeinsulaner, rhythmisch klatschende Afrikaner und orientalisch gewandete Bischöfe mit eigenartigen Kopfbedeckungen, und viele andere mehr …

Solch buntes Bild weltweiter Ökumene war erlebbar bei der Vollversammlung des Weltkirchenrates 2006 in Brasilien (5). Ähnliches wird zu erleben sein bei der Voll-versammlung des Lutherischen Weltbundes im Juli 2010 in Stuttgart. Den nüchtern gekleideten Mitteleuropäern ist da manches fremd. Auch die Ausdrucksformen des Glaubens von Christen aus anderen Kontinenten in Musik, Spiel, Gebet und Tanz. 

Erst in der Begegnung, im gemeinsamen Singen, Beten, Feiern und Hören auf Gottes Wort, ist manchen Teilnehmern der deutschen Delegation aufgegangen wie grenzenlos vielfältig und unterschiedlich der Leib Christi ist.

Der Apostel unterstreicht ausdrücklich, dass beide – Juden und Heiden – Teilhaber am Leib Christi sind. Für viele damals war das fremd und unannehmbar. Fromme Juden mit ihrem Glauben können unmöglich auf eine Stufe mit Heiden, also Nichtjuden aus den Völkern der ganzen Welt, gestellt werden.

Genau hier möchte Paulus das zweite Licht aus Gottes Geheimnis aufleuchten lassen: Wer sich an Christus orientiert, ist Teil an seinem Leib, ist Glied seiner weltweiten Kirche. Ob er als Jude beschnitten oder als Nichtjude in Ephesus lebt.

Am heutigen Erscheinungsfest soll der Leib Christi wie-der deutlich werden. Auch durch Teilhaben, Teilgeben und Mit-Leiden am Leib Christi. Viele Menschen geben etwas für Missionsaufgaben oder unterstützen Missionare und Freiwillige in Projekten der Partnerkirchen durch Gaben und Gebete.

Die »Aliança de Misericórdia« = die »Gemeinschaft des Erbarmens« hat in einem Elendsviertel von Saõ Paulo, der größten Millionenstadt Brasiliens, eine Kindertages-stätte eingerichtet. Unweit davon steht zwischen primitiven Blechbaracken eine einfache Bretterkirche.

Vier Missionare leben dort, mitten im Elend, als Teil des Leibes Christi zeichenhaft ökumenisch. Sie werden in ihrer Arbeit für die Ärmsten der Armen unterstützt vom Gustav-Adolf-Werk und anderen kirchlichen Hilfswerken.

Der Leib Christi trägt im 21. Jahrhundert verschiedene Konturen. Er besteht aus Menschen armer und reicher Schichten in Ost, West, Nord und Süd.

Wer, wenn nicht wir aus dem reichen Mitteleuropa, kann mithelfen, dass die guten Gottesgaben allen Gliedern am Leib Christi zuteil werden: … »Leidet ein Glied, so leiden alle Glieder mit …«, sagt Paulus im Korintherbrief (6). 

(3.) 

Für den Apostel spielt also die Herkunft keine Rolle. Alle bekommen Anteil am Werk Jesu Christi. Als Miterben ein Grund zur Mitfreude. Auch die Verschiedenheit der Menschen ist für Paulus kein Hinderungsgrund, im Gegenteil: Alle sind Glieder an dem einen Leib Christi. Das bedeutet: Reichtum für die Gemeinschaft und Aufgabe, mitzutragen.

Aber – nun lässt Paulus noch ein drittes Mal das Geheimnis Gottes aufleuchten: Alle dürfen mit Gottes Zusagen rechnen. Alle dürfen hoffen auf die Erfüllung seiner Verheißungen bis zur Vollendung der kommenden Welt.

Das Weltbild manch frommer Juden, aber auch manch frommer Christen in Kirche und Gemeinde, muss jetzt noch einmal überdacht werden.

Früher, so gibt Paulus zu, war das verborgen. Keiner konnte mit der Aufhebung dieser Unterschiede rechnen. Aber jetzt, durch die Erscheinung Jesu Christi in dieser Welt, und durch die Verkündigung seiner Boten, wird das ganze Geheimnis Gottes enthüllt: Für Juden wie Heiden, Verzagte wie Fröhliche, Gottferne wie Charismatiker, Afrikaner wie Eskimos, stehen die Zusagen Gottes und damit die Zukunft offen. Daran erinnern auch die Feiern im Jahr 2010 zum 100 jährigen Gedenken an die weltweite Missionsarbeit nach der entscheidenden Missi-onskonferenz 1910 im schottischen Edinburgh (7).

Wie viel unterschiedliche Menschen werden einst am Tisch sitzen im Reich Gottes – wir werden uns wundern! Es wird darauf ankommen, dass wir diese Verheißungen Gottes neu übersetzen und transportieren hinein in unsere Zeit und Welt. So sollen Menschen in unserer Umgebung teilhaben an der Hoffnung in uns. Sie sollen auch hinein finden in den Kreis derer, die Jesus Christus als ihren Herrn anbeten.

– Mitten in den Traurigkeiten unserer Tage möchte Freude aus diesem Gottesdienst in die Häuser und Herzen der Menschen hier und in aller Welt kommen. Freude über die Erbschaft und die Miterben.

– Mitten in der Einsamkeit von Menschen fragen wir neu nach denen, die mit uns zum Leib Christi gehören. Wir tragen und leiden mit an den Geschundenen und Verfolgten, an den Notleidenden und Benachteiligten und helfen mit dem, was uns gegeben ist.

– Mitten in die Resignation unserer Zeit sind wir durch das Evangelium als Boten der Hoffnung gesandt. Wir beten für die, die in Jesus Christus dazugehören und doch alle Hoffnung verloren haben. Und wir bitten um Gottes Heiligen Geist, der ermutigt und neue Zuversicht schenkt. So erleben wir, wie Gott uns mit vielen anderen am Leib Christi verbindet. Er füllt unsere leeren Hände und überschüttet uns mit seinen Verheißungen.

Das neue Jahr hat gerade begonnen. Für alle Menschen ist es wie Neuland, das sie betreten. Die Erwartungen an das Neue sind groß. Das Neue in Christus ist das frohmachende, befreiende und wegweisende Evangelium. Für alle Menschen ist das die gute Nachricht. Durch sie sind wir alle Mit-erben, Mit-glieder und Mit-hoffende. Was für eine wunderbare Botschaft – heute am Erscheinungsfest – für unsere kleine und die große Welt. Gottes Ge-heimnis ist geöffnet und allen Menschen erschienen in Jesus Christus. Lasst uns das weitertragen in das noch junge neue Jahr in Wort und Tat.   Amen. 

(1) So nach der Auslegung zu diesem Text von Gottfried Voigt in »Das Heilige Volk«, Ev. Verlagsanstalt 1985

(2) Matthäus 2, 1–-12

(3) So erlebt vom Verfasser dieser Predigt bei einem Pfarrkonvent im Sommer 2009 in Siebenbürgen/Rumänien.

(4) Die großen Auswanderungswellen der Siebenbürger Sachsen aus Rumänien nach Deutschland in den Jahren 1950–1990 ließen die bis dahin etwa 500.000 Gemeindeglieder der Ev. Kirche A.B. von Siebenbürgen auf heute etwa 13.900 Gemeindeglieder schrump-fen.

(5) Im Februar 2006 erlebt vom Verfasser

(6) 1. Korinther 12, 26

(7) »Die Weltmissionskonferenz, die 1910 unter dem Motto der Studentenbewegung ›Evangelisation der Welt in dieser Generation‹ in Edinburgh stattfand, gilt als symbolischer Anfangspunkt der modernen ökumenischen Bewegung. Die Versammlung entwickelte eine bahnbrechende Vision der Kirche als einer wahrhaftig weltumspannenden missionarischen Gemeinschaft ...«(www.oikoumene.org/de/programme/einheit...)




Dieser Artikel wurde von Pfarrer Bühner erstellt.

21.11 - 21.11.2108
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10:15 Uhr:
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Dienstag, 18.12.2018
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Sonntag, 23.12.2018
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Montag, 24.12.2018
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