2009-08-30

Predigt über Markus 7,31-37 / Pfarrer Siegfried Schanz, Dornstetten


Liebe Gemeinde,
eine Familie berichtete von einer sehr eindrucksvollen Begegnung im Urlaub. Sie machten Ferien in den Bergen und begegneten dort einer Freizeitgruppe von Gehörlo-sen. Da sie selber häufig mit Behinderten zu tun haben, hatten sie keinerlei Berührungsängste und trafen mehr-mals mit den Freizeitteilnehmern zusammen. Auch an einem ihrer Gottesdienste nahmen sie teil. Was sie dabei erlebten, machte großen Eindruck auf sie.

Sie erfuhren zum Beispiel, dass sich die Gehörlosen nicht gerne zu den Behinderten zählen, weil die meisten Men-schen unter Behinderten geistig Behinderte verstehen. Gehörlose aber sind nicht geistig, sondern körperlich behindert. Sie sind ganz normal begabt. Aber wer ohne Gehör zur Welt kommt, hat nie ein Wort vernommen, hat darum auch keine Erfahrung, wie sich ein Laut anhört, kann darum selbst auch keine Laute bilden.

Gehörlose sind ganz normal begabte Menschen. Sie ha-ben heute eigene Schulen, in denen sie, mühsam zwar, aber immerhin elementare Sätze sprechen lernen. Sie lernen auf mühsamen Umwegen über Bilder auch lesen und schreiben. Aber sie leben in ihrer eigenen Welt, einer Welt, in der jede Art von Geräusch abgeschaltet ist. Sie sondern sich von den Hörfähigen ab und bleiben lieber unter Ihresgleichen, weil sie die Befangenheit spüren, mit der die andern ihnen begegnen.

Eindrucksvoll daher ihr Gottesdienst. Frage: Wie feiert man mit Gehörlosen Gottesdienst? Sie können nicht sin-gen, sie können keine Orgel hören. Wie soll man ihnen predigen? Man stößt ja auf taube Ohren. Wie soll man mit ihnen beten? Sie hören ja weder sich selbst noch andere.

Die Antwort ist einfach: Gehörlose verständigen sich mit Hilfe von Gestik, Mimik und Bildern. Wer ihnen predigen will, muss ihre Gebärdensprache kennen. Das Zeichen für Jesus zum Beispiel geht so: Man zeigt mit der rechten Hand auf die linke Handmitte – das Wundmal in der Hand Jesu.

In diese interessante, spannende und zugleich merkwür-dige Welt der Gehörlosen entführt uns eine Geschichte, die der Evangelist Markus erzählt.

Ich lese aus dem Markusevangelium Kapitel 7, 31–37:
„31 Und als er wieder fortging aus dem Gebiet von Tyrus, kam er durch Sidon an das Galiläische Meer, mitten in das Gebiet der Zehn Städte.32 Und sie brachten zu ihm einen, der taub und stumm war, und baten ihn, dass er die Hand auf ihn lege. 33 Und er nahm ihn aus der Menge beiseite und legte ihm die Finger in die Ohren und berührte seine Zunge mit Speichel und 34 sah auf zum Himmel und seufzte und sprach zu ihm: Hefata!, das heißt: Tu dich auf! 35 Und sogleich taten sich seine Ohren auf und die Fessel seiner Zunge löste sich, und er redete richtig. 36 Und er gebot ihnen, sie sollten's niemandem sagen. Je mehr er's aber verbot, desto mehr breiteten sie es aus. 37 Und sie wunderten sich über die Maßen und sprachen: Er hat alles wohl gemacht; die Tauben macht er hörend und die Sprachlosen redend.“


Liebe Gemeinde, warum steht diese Heilungsgeschichte in der Bibel? Hätte es nicht genügt, zusammenfassend zu schreiben: Jesus heilte viele Kranke, darunter auch Taube und Stumme? Was sagt uns diese Geschichte heute?

Sie wissen sicher, dass Markus solche Heilungsge-schichten nicht um ihrer selbst willen erzählt. Vielmehr haben sie für alle Evangelisten eine ganz tiefe, zeichen-hafte Bedeutung.

Sie sind zunächst ein Ausweis für den, der hier handelt! Sie zeigen: Jesus hat Vollmacht über diese Krankheit.
Und sie sind zugleich ein Hinweis für uns: Wenn Jesus Krankheit heilt, blitzt darin Gottes neue Welt, seine Herr-schaft, sein Reich auf. Noch ist nicht alles gut. Aber blitzlichtartig, zeichenhaft scheint Reich Gottes in dem, was Jesus hier tut, auf. Denn im Reich Gottes wird es so sein: Krankheit, und die letzte Konsequenz von Krankheit, der Tod, wird nicht mehr sein. Leid und Schmerz, Trauer und Tränen wird es nicht mehr geben. Heilsamer innerer und äußerer Friede breitet sich aus.

So, wie Markus uns diese Geschichte erzählt, ist sie also ein Loblied auf Jesus, ein Loblied auf Gottes neue Welt, auf das Reich Gottes, das Himmelreich.

Sie will uns sagen: Hör hin, was Jesus sagt. Schau hin, was er tut. Nimm wahr, welche Macht er hat. Jesus weckt dir das Ohr, tut dir die Augen und den Mund auf, damit du Zeuge wirst von Gottes Herrlichkeit.

Denn von Natur aus sind wir taub und stumm – nicht als körperliches Gebrechen, sondern wenn es um das Evangelium geht. Menschen wollen oder können nicht hören, auf das, was Jesus sagt. Sie sind so zugedröhnt mit den Worten und Botschaften dieser Welt, dass sie kein Ohr mehr für die frohe Botschaft von Jesus haben. Es ist, als predigten wir tauben Ohren.

Doch wir wissen auch, in besonderen Augenblicken ereignet sich das Wunder, dass jemand plötzlich erfährt: So, wie heute, habe ich Gottes Wort noch nie gehört. So, wie heute, hat Jesus noch nie zu mir gesprochen.

Da hat jemand viele Jahre lang in Schule und Konfir-mandenunterricht, in Radioandacht und Gottesdienst Gott reden hören – und ihn doch nicht gehört. Und dann ereignet sich plötzlich das Wunder, dass ihm mit einem Mal die Ohren aufgehen. Schlagartig dringt das Wort ein, bringt sich zu Gehör und verändert das Leben.

Wieso gerade jetzt? Wie geschieht das? Wie heilt Jesus meine Hörschäden?

Achten wir darauf, was Markus erzählt.
Er berichtet: Jesus nimmt den Gehörlosen beiseite.
Das heißt: Es braucht offensichtlich den besonderen Au-genblick, den besonderen Ort, die besondere Gelegen-heit, damit wir anfangen, zu hören. Jesus nimmt den Taubstummen beiseite. Der spürt: Jesus wendet sich mir zu.
Er achtet auf mich. Er gibt mich nicht verloren. Sein Interesse an mir ist groß.

Auch wir erleben gelegentlich, wie Jesus uns beiseite nimmt, uns herauslöst aus dem Trubel des Alltags und uns in die Stille führt. Krankheiten erfüllen vielleicht ab und zu diesen Zweck, dass Gott uns zur Besinnung ruft und sagt: Nimm dir endlich Zeit, über dein Leben nachzudenken. Ordne deine Prioritäten. Richte dein Leben neu aus.

Ein andermal schickt uns Gott vielleicht einen Menschen, dem es gelingt, uns etwas abseits der Hektik in ein Gespräch zu ziehen, das Spuren hinterlässt. Oder wir suchen dieses klärende, seelsorgerliche Gespräch von uns aus: Das Gespräch unter vier Augen, das keinen Dritten etwas angeht, aber das so wohltuend und heilsam wirkt.

Nicht immer ist solches Beiseitenehmen nur angenehm. Jesus legt ja, so beschreibt es Markus, buchstäblich seine Finger auf die wunden Punkte. Und der Taubstumme merkt: Da liegt der Schlüssel zu meiner Heilung, in meinen verschlossenen Ohren.

Gewiss hat jeder von uns solche wunden Stellen in seiner Lebensgeschichte. Wie viel innere Blessuren trägt jeder von uns mit sich herum, die uns blind und taub werden lassen für das befreiende und heilsame Evangelium. Das können Bitterkeit und Groll und leidvolle Erfahrungen mit anderen Menschen und auch mit sich selber sein. Manche dieser inneren Verletzungen heilen ein Leben lang nicht aus. Sie verstopfen unsere inneren Gehörgänge.
Aber hier wird deutlich: Jesus hat Vollmacht, sie zu heilen.
Er nahm ihn beiseite.

Und dann erlebt der Gehörlose wirklich: Jesus öffnet das Ohr und löst mir die Zunge.
Liebe Gemeinde, ich kann taub sein, obwohl ich in der Lage bin, auf tausend Stimmen zu hören. Und ich kann stumm sein trotz allem Gerede täglich. Was wüsste ich von Gott, von Jesus und seinem Werk und vom Heiligen Geist, wenn ich ihn nicht hören könnte und nicht gehört hätte? Ich brauche es täglich, dass einer zu mir sagt:
»Hefata« – tu dich auf!
Der Glaube, sagt Paulus, kommt aus dem Hören (1), aber damit ich hören kann, brauche ich ein offenes Ohr für das Evangelium. Jesus sagt: »Hefata« – tu dich auf.

Dieses heilsame Wort gilt meinen kranken, verschlosse-nen und tauben Ohren, die nichts hören wollen von Buße und Umkehr und Gottes kräftigem Anspruch auf mein Leben.

Ein offenes Ohr brauchen wir, damit wir hören, wie ein Jünger hört. Damit wir das Seufzen und Stöhnen der Schöpfung und der Menschen darin hören, die sich nach Erlösung sehnen, nach Liebe und Güte und einem freundlichen Wort.

Und wir brauchen einen Mund, der an der richtigen Stelle zu reden weiß. Wie viel Schweigen gibt es zwischen der älteren und der jüngeren Generation, zwischen Mann und Frau, weil schon zuviel gesagt worden ist? Wie viel töd-liche Stille gibt es trotz oder gerade wegen dem Lärm der täglichen Geschäfte, die uns mit Beschlag belegen. Und selbst dort, wo Christen beieinander sind, spüren wir manchmal auch, wie Worte abgeschmettert werden, wie die Ohren verstopft sind, lange ehe die Worte den ande-ren erreichen. Der hat mir nichts mehr zu sagen. Dem nehme ich nicht ab, was er sagt.

Wie viel Schweigen gibt es auch in unserer Kirche, weil Christen einfach verlernt haben, von ihrem Glauben zu reden. Da muss einer kommen und in Vollmacht sagen: »Hefata« – tu dich auf.

Ich halte es für bedeutsam, dass Jesus dem Taubstummen nicht nur das Ohr öffnet, so dass viel in ihn
hinein strömen kann, sondern dass er ihm gleichzeitig auch die Zunge löst, damit das, was er im Herzen glaubt und an Liebe von Gott erfahren hat, auch wieder heraus kann. Denn noch vielen soll es in den Ohren klingen, welche Wunder Gott an uns tut, damit auch ihnen die Ohren aufgehen und der Mund überläuft, weil ihr Herz so voll ist.

Denn darauf läuft eigentlich die ganze Geschichte hinaus. Wenn wir fragen, was das alles bedeutet, erfahren wir darin die Antwort, dass, wie Markus berichtet, die ganze Menge einstimmt in das Lob: Er, Jesus, hat alles gut ge-macht.

Was Jesus tut, kann nicht verborgen bleiben. Die Jünger sagen später: Wir konnten und können nicht schweigen von dem, was wir gehört und gesehen haben. Und nicht nur der Geheilte stimmt ein Loblied auf seinen Heiland an, sondern das Geschehen löst auch den andern, die dabeistehen, die Zunge. Vielleicht geschieht sogar hier das eigentliche Wunder, von dem Markus erzählt: Dass die Menschen entdecken, wie sich vor ihren Augen eine göttliche Verheißung erfüllt, die lautet: Wenn die Ge-hörlosen hören und die im Leid Verstummten zu reden beginnen, dann ist Gottes Heilszeit angebrochen. Dann ist Gott unterwegs zu den Menschen, um sein Reich auf-zurichten. Dann ist das, was hier vor euren Augen ge-schieht, nicht nur die glückliche Heilung eines Taub-stummen durch einen antiken Wundermann, sondern dann ist hier in Jesus Gott selbst auf dem Plan. Und die Heilung ist ein tatkräftiges Zeichen für das anbrechende Gottesreich.

Freilich, ich weiß auch, noch ist längst nicht alles gut. Es gibt noch immer Krankheit und Behinderung und Leid und Elend. Trotzdem können wir jetzt schon singen und feiern. Es hat sich was getan. Denn mitten in einer Welt voller Leiden gibt es den Herrn, durch den am Ende alles gut wird. In sein Lob stimmen wir heute schon ein und singen von Herzen:
Sei Lob und Ehr dem höchsten Gut, dem Vater aller
Güte, dem Gott, der alle Wunder tut, dem Gott, der mein Gemüte mit seinem reichen Trost erfüllt, dem Gott, der allen Jammer stillt. Gebt unserem Gott die Ehre.  
Amen.


(1)  Römer 10,17: Luther übersetzte »Predigt«, Elberfelder sachlich richtig »Verkündigung«, wörtl. übersetzt aber »Gehör« oder  »Gehörtes«.




Dieser Artikel wurde von Pfarrer Bühner erstellt.

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