2009-08-23

Predigt über Lukas 8,9-14 / Pfarrer i. R. Winfried Müller, Altensteig

Wir hören das Wort Gottes für diesen Sonntag aus Lukas 18,9-14:
„9 Er sagte aber zu einigen, die sich anmaßten, fromm zu sein, und verachteten die andern, dies Gleichnis: 10 Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. 11 Der Pharisäer stand für sich und betete so: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner. 12 Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme. 13 Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig! 14 Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.“


Liebe Gemeinde!

1. Durchbruch
Wie muss er gelaufen sein – dieser Mensch! Er ging hinab in sein Haus gerecht gemacht, freigesprochen!
Wie muss er gestrahlt haben! Wie leicht und frei muss er dahergekommen sein: Ich bin wieder wer! Wer von uns wollte nicht so leicht und befreit daherkommen!?
Und ich stelle mir vor, dass er den Passanten unterwegs gradewegs in die Augen geguckt hat. Auch seinen Fein-den: »Ja, schaut mich nur an! Meine Vergangenheit – getilgt! Meine Ehre – wieder hergestellt! Der Stein – vom Herzen!« Dort oben im Tempel wohnte der Gott Israels.  Im Namen dieses neu entdeckten Gottes bot der Mann seinen Verächtern Paroli. Er ging aufrecht, gerecht!
Und hat er unterwegs nicht da und dort seine Geldbörse gezückt und Silbermünzen ausgeteilt? »Freund, ich habe dich über‘s Ohr gehauen. Verzeih. Es soll nicht wieder vorkommen!« Das steht nicht in der Geschichte. Aber sein Kollege, der Zöllner Zachäus, hat so gehandelt. Und wenn er wirklich gerecht gemacht worden ist, wird er fortan gerecht handeln. 

Und was in seinem Herzen so stürmte: Er hatte einen Freund gewonnen, eine »VIP« – very important person – keinen Geringeren als Gott, den Höchsten. Er ging ge-rechtfertigt! Er hatte eine Gottesbegegnung gehabt. Das kann nicht verborgen bleiben. Das dunkle Loch im In-nern war weg. Er war erfüllt. Er hatte Statur gewonnen. Wer hier nicht festliche Töne anschlägt, hat’s nie erlebt.

Und noch etwas: »Gerecht gesprochen« – das ist mehr als schwarze statt roter Zahlen auf dem Kontoauszug zu haben. Der Apostel Paulus hat diesem Zentralereignis des Christentums – Rechtfertigung – starke Worte verliehen. Die müssen wir mit beiden Händen fassen: Solch ein Mensch, sagt Paulus, glaubt an den, der die Gottlosen gerecht macht. – Er glaubt Gott, der dem ruft, was nicht ist, dass es sei. (Römer 4, 5.17). Der Mann, der da den Tempelberg runterkommt, der hat sich selbst los. Er hat soeben einen Schöpfungsmorgen erlebt. Der Mensch, als der er von Gott gedacht war, der ist soeben geboren worden.

Was für einen Namen sollen wir diesem Vorgang geben? Wir nennen es einen Durchbruch. – In ähnlicher Situati-on sagte Martin Luther: »Da riss ich herdurch! Ich fühlte mich neugeboren, als wäre ich durch die geöffnete Pforte ins Paradies getreten«.

Bleiben wir aber hier nicht beim Überschwang stehen! Das Halleluja will sofort zur nüchternen Tat werden. Wir sind zu Freunden Gottes geworden. So werden wir nun im Alltag zu Kämpfern für die Menschenwürde! Sprechen wir zu jedem Menschen, wer er auch sei: Du bist wer – abgesehen und vor aller Leistung.

Nehmen wir Jugendliche ernst als Partner, geben wir ihnen  einen Vorschuss an Vertrauen, selbst wenn sie krumme Dinge gedreht haben! »Weder deine Taten noch deine Untaten machen deine Menschenwürde aus, son-dern dein Menschsein. Besser gesagt: Das unergründli-che, unbezahlbare Ja Gottes zu dir.«

Und was, wenn Menschen von körperlichen oder seeli-schen Krankheiten umgarnt sind wie von Fesseln? Dann lasst uns das teilnehmende Zuhören üben! Es kann für sie zur heilenden Kraft werden. Wer in solch einem Ge-spräch vollkommenes Ansehen erhält, in dem hat ein Kern von Gesundheit Platz genommen. Von solch einem Kern aus will sich die Heilung ausbreiten.

Und: dieses Jahr feiern wir 20 Jahre Mauerfall in Berlin. Unvergessliche Bilder werden über den Bildschirm flim-mern. Ja, da erhielt ein Volk die Chance, aus Fremdherr-schaft und Fremdbestimmung heraus zu kommen. So viele sind auch unter uns fremdbestimmt. Sie suchen nach ihrer Identität: »Ich bin ich, einmalig und unwiederholbar.« So sind Einzelne und ganze Völker auf der Suche nach ihrer Identität. Unterstützen wir das, wo wir können!



2. Abbruch
Wenden wir uns nun dem anderen Beter in unserer Ge-schichte zu! Jesus hatte seine ganze Autorität in die Waagschale geworfen: Ich sage euch: Der Zöllner ging hinab gerecht gemacht. Über den anderen urteilt der Herr: Nicht jener!

Hat der Zöllner einen Durchbruch erlebt, so dieser Kir-chenmann einen Abbruch.  Abbruch der Beziehungen. Jesus schließt ihn vom Kontakt mit Gott aus. Warum das? Warum diese Härte? Dieser Fromme dankt doch! Er dankt Gott, dass er nicht auf die schiefe Bahn geraten ist: Dass ich nicht bin wie die andern Leute. Solche Gebete waren bei Jesu Zeitgenossen üblich und in Ordnung.

Weiß unser Herr nicht: Solche Leute tun was für die Sache Gottes? Sie legten sich eine freiwillige Mehrwertsteuer von 10% auf für karitative Zwecke. Und wer von uns würde es durchhalten, zweimal pro Woche auf Essen und auf Trinken(!) zu verzichten? Sie taten es, um das Unrecht ihres Volkes zu sühnen. Allen Respekt! – Doch leider träufelt der Mann in sein Gebet das Gift der Menschenverachtung: »Ich bin kein Räuber und Betrüger und bin auch nicht … wie dieser Zöllner.« Lieblosigkeit zerstört ein Gebet. – Vor allem: Er hat nichts, was nach Gott schreit, keine Not. Er degradiert Gott zu seinem Bewunderer.
Die Note »sehr gut« hat er sich selbst zugesprochen. Das ist seine Selbsterhöhung. Gott darf grade mal die Selbstgerechtigkeit bestätigen. Gott darf nicht mehr Gott sein!
Er darf keinen neuen Menschen aus dem Kirchenmann machen. Gott wird abgesetzt. Den Abbruch der Bezie-hungen hat der Mann selbst vollzogen. Er hat sich selbst ausgeschlossen. Man kann hier nur erschaudern.


3. Zerbruch
Nun bitte ich Sie, dass Sie zusammen mit mir noch eine Wegstrecke mitgehen, eine beschwerliche. Nach dem Durchbruch und Abbruch nennen wir diese Strecke den Zerbruch.  An ihrem Ende freilich steht eine unerwartete Wende. Der Zöllner stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott sei mir Sünder gnädig!

Ich bin mir sicher, dass alle im Raum, auch die Jungen, diesen Schlag hier (an die Brust) kennen: O, dass mir das passiert ist! Ihr kennt das peinliche Gefühl, das man Schuld nennt. Ich habe es doch nicht gewollt! Aber nun ist jemand durch mich zu Schaden gekommen. Nun sind mir diese dummen Worte entfahren! Nun hat diese Freundschaft einen Riss bekommen. Nun liegt mein gu-tes Ansehen in Scherben. Zerbruch.

Wie einsam die Schuld einen Menschen machen kann!
Es muss uns nicht gleich gehen wie jenem prominenten Geschäftsmann, der sich im Januar vor den Zug geworfen hat. Der Fall ging durch die Presse. Der Mann hat  nicht mehr den Weg zu einem Freund gefunden. So einsam!
Und es ist ein unerträglicher Schmerz in uns: Ich habe versagt. Gerade worauf ich so stolz war – mein Erfolg, mein guter Name – ist nun verdorben! Warum musste das passieren! Das tut so weh.

Und wie jäh können wir aus unserer Höhe herabstürzen! Denn es hat sich ein Abgrund in uns aufgetan. Das hätte ich von mir nicht gedacht. Ich habe einen Kollegen über die Klinge springen lassen. Ich war gnadenlos hart. Die Gier hat mich mitgerissen. Ein Sturz.
 
Und es gibt keinen Ausweg mehr. Ich kann das Rad nicht mehr zurückdrehen. Geschehen ist geschehen. Nun ist da der dunkle Fleck. Ich wollte was Besonderes tun. Aber das wirklich Große ist mir nie gelungen, die selbstlose Liebe! O dieser Schmutz! Die eigentliche Ausweglosig-keit ist die, dass wir vor dem Auge der untrüglichen Wahrheit stehen, vor dem heiligen Gott. Der Zöllner kann nur noch schreien, den Schrei der Verzweiflung: »Gott, sei mir Sünder gnädig!«

Und da gibt es nun noch die ganz andere Schuld. Als damals die Einwohner Jerusalems auf dem Galgenberg standen, da sahen sie den mittleren jener drei Gehenkten. Er hatte ihre Kranken geheilt, nur Gutes getan, der Sohn Gottes. Und den haben wir so bestialisch beseitigt! Wir! Es heißt bei Lukas (23, 48): Sie schlugen an ihre Brust und kehrten wieder um. Bestimmt waren auch einige Pharisäer unter ihnen. Sie schlugen an ihre Brust – wie der Zöllner in unserer Geschichte! Dass wir zu so etwas fähig sind, wir, die guten Menschen! Das ist der Zerbruch der Selbstsicheren.

In diesem Augenblick der Verzweiflung, liebe Freunde,  tritt Einer an unsere Seite. Er steht auch jetzt neben uns. Er sagt zu jedem Verzweifelten: »Geh noch einmal zu-rück in dein Leben: Gerecht gemacht.«

Diese überraschende Wende hat einen Namen: Jesus Christus in Person. Er ist jetzt da und spricht zu dir und mir: »Nicht weil du so gut bist, sondern ich nehme dich an – allein aus meinem großen göttlichen Herzen heraus. Ich spreche dich frei und gerecht. Geh zurück in dein Leben. Ich vollbringe in dir und durch dich etwas Neues: Mein Gutes. Vertraue mir und lass es geschehen!«   Amen.




Dieser Artikel wurde von Pfarrer Bühner erstellt.

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