2009-08-16

Predigt über Lukas 19,41-48 / Pfarrer Andreas Streich, Lossburg

Wir hören das Wort Gottes für diesen Sonntag aus Lukas 19,41-48:
„41 Und als er nahe hinzukam, sah er die Stadt und weinte über sie 42 und sprach: Wenn doch auch du erkenntest zu dieser Zeit, was zum Frieden dient! Aber nun ist's vor deinen Augen verborgen. 43 Denn es wird eine Zeit über dich kommen, da werden deine Feinde um dich einen Wall aufwerfen, dich belagern und von allen Seiten bedrängen 44 und werden dich dem Erdboden gleichmachen samt deinen Kindern in dir und keinen Stein auf dem andern lassen in dir, weil du die Zeit nicht erkannt hast, in der du heimgesucht worden bist.
45 Und er ging in den Tempel und fing an, die Händler auszutreiben, 46 und sprach zu ihnen: Es steht geschrieben (Jesaja 56,7): »Mein Haus soll ein Bethaus sein«; ihr aber habt es zur Räuberhöhle gemacht. 47 Und er lehrte täglich im Tempel. Aber die Hohenpriester und Schriftgelehrten und die Angesehensten des Volkes trachteten danach, dass sie ihn umbrächten, 48 und fanden nicht, wie sie es machen sollten; denn das ganze Volk hing ihm an und hörte ihn.“



Liebe Gemeinde,
dort wo man vom Ölberg den schönsten Blick auf
Jerusalem hat, dort erinnert heute eine Kirche in Form einer Träne daran, was unser Predigttext erzählt:
»Dominus flevit« heißt sie: »Der Herr weinte«.

Bis heute ist der Blick vom Ölberg ein »Muss« für jeden Israelreisenden. Auch wenn das Stadtbild heute ein ganz anderes ist als vor rund 2.000 Jahren – dieser Blick war und ist atemberaubend schön.

Doch dort, wo andere überwältigt sind von diesem Anblick, da weint Jesus. Wo viele Menschen ihn begeistert empfangen, ihre Kleider auf dem Weg ausbreiten und ihm zujubeln: »Gelobt sei, der da kommt, der König, in dem Namen des Herrn!« da gehen diesem Herrn die Augen über vor Trauer und Schmerz. Wo andere fröhliche Wallfahrtslieder singen, da schaut er traurig auf diese Stadt.

Jesus weint. Er weint, weil er mehr sieht als seine Jünger. Er weint, weil er tiefer sieht als die Vielen um ihn herum.
Es ist nicht der schwere Weg ins Leiden und in den Tod, der auf ihn wartet, der ihn hier weinen lässt. Jesus weint hier nicht wegen sich und seines Schicksals.

Er weint über Jerusalem. Er weint über die Menschen in dieser Stadt, die Gottes große Liebe nicht erkannt haben. Er weint, weil sie nicht erkennen wollen, was Gott ihnen schenken möchte. Und Jesus weint, weil er das Gericht kommen sieht – das Gericht über Jerusalem.

Lukas, der Evangelist, ist der Einzige, der uns davon berichtet, dass Jesus über Jerusalem weinte. Er zeigt uns den Herrn, der weint – damit wir durch diesen Herrn etwas erkennen, was für unser Leben sehr wichtig ist.
Auf drei wichtige Dinge fällt unser Blick bei dem, was Jesus hier redet und tut – drei Dinge, die wichtig sind auch für uns:
(1) Wir sehen die große Liebe Gottes
(2) Wir sehen den Ernst des Gerichts
(3) Wir sehen, dass Gott ausräumen will.



1. Wir sehen die große Liebe Gottes
Nur zweimal wird uns in der Bibel davon berichtet, dass Jesus weint: Jesus weint über seinen toten Freund Laza-rus und hier, als Jesus über das todgeweihte Jerusalem weint, das seinem Gericht entgegengeht.

Wenn Jesus über Jerusalem weint, dann sicher nicht we-gen der Kulturgüter, wegen der prachtvollen Bauten, Mauern und Paläste, die bald nur noch Ruinen sein werden.

Nein, Jesus weint um die Menschen. Die Menschen, die in Jerusalem wohnen, und die Menschen, für die Jerusalem der Inbegriff ihrer Hoffnung ist: Er weint über sein Volk, die Juden.

Bis heute ist für das jüdische Volk diese Stadt Jerusalem das Ziel all ihrer Wünsche und Sehnsüchte. Egal, wo Juden in der Welt leben. Beim Passafest im Frühjahr grüßen sie sich mit den Worten: »Im nächsten Jahr feiern wir das Passafest in Jerusalem.«

Jesus weint um diese Menschen, um sein Volk. Um jeden Einzelnen weint er. Es geht Gott immer um den Einzel-nen. Er bleibt nie auf Distanz, sondern wird immer ganz persönlich.

Aber – warum weint Jesus? Er weint, weil er jeden Ein-zelnen in seinem Volk liebt. Wer liebt, der weint, den lässt die Not des anderen nicht kalt. Jesus weint Tränen der Liebe. An seinen Tränen können wir Gottes große Liebe zu seinem Volk, zu seinen Menschen erkennen.
Die Liebe Gottes zu diesem Volk hat eine lange Ge-schichte: Es war seine Liebe, die ihn dieses Volk Israel erwählen ließ. Es war seine Liebe, dass er sie aus der Knechtschaft befreite und in ihr Land führte. Es war sei-ne Liebe, dass er mit ihnen einen unvergänglichen Bund schloss. Es war seine Liebe, dass er ihnen seine Gebote, seine guten Ordnungen gab und durch die Propheten ihnen immer wieder den rechten Weg zeigte. Doch sein größter Liebesbeweis aber war, dass er seinen einzigen, geliebten Sohn sandte. Gott liebt seine Menschen und sehnt sich nach ihnen.

Aber die Tränen Jesu zeigen, dass seine Menschen Got-tes Liebe nicht verstehen und dass sie seine Wege nicht erkennen. Würdest doch auch du erkennen, was zum Frieden dient.

Aber Jerusalem erkennt nicht, was zum Frieden dient. Das Wort »Friede«; Schalom steckt im Namen Jerusalem, aber Gottes Frieden finden sie nicht. Den, der am Kreuz Frieden gemacht hat, den erkennen sie nicht.
Es ist vor deinen Augen verborgen.

Jerusalem, warum bist du so blind? Warum siehst du die Liebe Gottes nicht? Warum erkennst du nicht, wie er sich dir zuwendet, um dir zu helfen?

Die Tränen Jesu zeigen: Gott liebt seine Menschen und es bricht ihm das Herz, wenn sie nicht zu ihm kommen, wenn sie seine Rettung nicht annehmen, wenn sie in Sünde und Tod bleiben.

Diese große Liebe Gottes gilt auch uns! Jesus ist der Messias Israels – und er ist der Heiland der ganzen Welt. Gott sehnt sich auch nach uns, den Heiden, er will auch uns retten. In Jesus wendet sich Gott auch uns mit seiner Liebe zu.

Wenn Israel damals Gottes Liebe nicht erwidert hat, dann sollen wir uns nie und nimmer über dieses Volk erheben. Dazu geben die Tränen Jesu uns nicht das Recht.
Doch wir wollen uns von Gott fragen lassen, ob wir denn erkennen, was zum Frieden dient. Ob wir für uns schon erkannt haben, dass Jesus allein unser Friede ist und dass wir ihn brauchen und ob wir ihm mit unserem ganzen Leben vertrauen.

Gottes Liebe wartet auf uns – er sehnt sich auch nach uns. Und ihm bricht es das Herz, wenn wir nicht kom-men. An Jesu Tränen sehen wir, wie sehr Gott sein Volk Israel und alle Menschen liebt und sich nach ihnen sehnt.
 
Heute am Israelsonntag erinnern wir uns daran, dass
Gott sein Volk Israel immer noch liebt. Sein Bund ist unumstößlich. Gott möchte, dass sie ihren Messias Jesus erkennen.

Es sind wenige, aber es gibt sie, Menschen aus dem Volk Israel, die in Jesus zum Frieden mit Gott gefunden haben und die sich in Israel in Gemeinden sammeln. Messiani-sche Juden nennen sie sich und sie folgen ihrem Messias Jesus nach – genau wie wir. Ihr brennender Wunsch ist, dass auch noch andere aus ihrem Volk Jesus als den er-kennen, der er ist: der Heiland Israels und der ganzen Welt. 



2.  Wir sehen den Ernst des Gerichts
Jesus weint, weil er um den Ernst des Gerichtes weiß. Er weiß, dass das Gericht über die Stadt Jerusalem und ihre Menschen kom-men wird. Zuerst wird die Belagerung kommen und dann die Zerstörung.

Wie die Früchte am Baum reif werden und schließlich herunterfallen, so ist Gottes Gericht über seine Menschen gereift. Die Zeit wurde reif zum Gericht. Die Schuld, die sie anhäuften, wurde mehr und mehr.

Jesus zeigt uns den Ernst des Gerichtes Gottes. Gott ist ein heiliger Gott. Er lässt nicht einfach fünf gerade sein, er kann die Sünde nicht ignorieren. Gott ist ein heiliger und gerechter Gott, ein Gott, der die Sünde hasst, ein Gott, der richtet. Sein Zorn lässt Menschen vergehen.
Jesus weint, weil er um den Ernst des Gerichtes weiß.

Viele Menschen wollen dieses Gericht nicht wahrhaben. So war es damals und so ist es bis heute: Da sagen Menschen: »Gott ist doch ein Gott der Liebe! Dann kann das mit dem Gericht nicht stimmen. Das passt nicht zusam-men!« Und damals wie heute meinen Menschen: »Uns kann nichts passieren. Wir sind doch Gottes Volk – Gott ist doch mit uns!«

Aber, ob wir es wahrhaben wollen oder nicht: Gott ist es ernst mit seinem Gericht.

Im Jahr 70 n.Chr kam für Jerusalem der Untergang. Die Römer belagerten die Stadt, hungerten sie aus und dann brach die Katastrophe herein: Der Tempel brannte, die Paläste gingen in Flammen auf und die Mauern wurden geschleift.

Gott meint es ernst mit seinem Gericht. Er hat sein geliebtes Volk Israel nicht verschont und er wird auch uns nicht verschonen. Gott wird einmal die Welt richten. Und dieses Gericht wird ein ewiges Gericht sein, bei dem es um ewiges Leben oder um ewige Verlorenheit gehen wird.

Gott ist ein heiliger Gott – aber er ist auch ein gnädiger Gott. Er will nicht, dass wir verloren gehen, sondern er will retten. Gottes Gericht ist kein Schicksal, dem wir nicht entgehen könnten. Nein, Gott will retten.

Es gibt eine offene Tür, um dem Gericht zu entgehen, es gibt einen Zufluchtsort, an dem wir geborgen sind vor Gottes Zorn und Gericht: unter dem Kreuz seines Sohnes Jesus Christus.
Er hat unsere Schuld auf sich genommen, er hat Gottes Zorngericht über unsere Sünde getragen, damit wir frei ausgehen. Wer zu ihm gehört, wer ihm seine Sünde be-kennt, wer ihm vertraut, der ist gerettet. Jesus sagt es uns: Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben und kommt nicht in das Gericht, sondern ist vom Tode zum Leben hindurchge-drungen.
Es gibt einen Zufluchtsort, es gibt Rettung. Gott will retten.

Durch die ganze Bibel geht Gottes Rettungsruf, geht die Einladung umzukehren von den falschen Wegen in seine offenen Arme.

Jesus weint, weil er um den Ernst von Gericht und Gnade weiß, den sein Volk und bis heute viele Menschen nicht erkannt haben. Wer blind ist, jubelt; wer um Gottes Zorn weiß, weint. Darum weint Jesus.

Für uns ist heute noch »Zeit der Gnade« – Zeit, umzu-kehren in die offenen Arme Gottes, Zeit bei Jesus Chris-tus Rettung zu finden. Gott lädt uns ein, uns Jesus Christus anzuvertrauen, bei ihm die Schuld loszuwerden. Eines Tages wird auch bei uns die »Zeit der Gnade« um sein.


 
3.  Wir sehen, dass Gott ausräumen will
Der Weg Jesu führt ihn in den Tempel. Dort hat Gott seinem Volk versprochen, seinen Namen unter ihnen wohnen zu lassen. Dort ist der Ort, wo er sich von ihnen finden lässt, wo sie mit ihm reden können. »Mein Haus soll ein Bethaus heißen«.

Aber Jesus findet nicht ein Bethaus vor, sondern eine Räuberhöhle. Da sind Händler, Geldwechsler und Ver-käufer. Sie alle hatten einen guten Grund, im Tempel zu sein. Schließlich brauchten die vielen Pilger, die von weit her kamen eine Gelegenheit, Opfertiere zu kaufen, Geld zu wechseln und sich zu versorgen.
Aber darüber ist das Wichtigste aus dem Blick geraten. Darum räumt Jesus aus. Darum eifert er, darum treibt er die Händler hinaus.

Gott hat einen Anspruch, uns allein zu haben. Gott spielt nicht mit, wo wir zwar ihn, aber dann auch noch vieles anderen neben ihm wollen. Er hat einen Absolutheitsan-spruch: Schon im ersten Gebot sagt er es. Und alles, was wir neben Gott stellen, neben ihm noch haben wollen, das wird letztendlich zwischen Gott und uns treten und uns von ihm trennen. Gott aber will unser Leben ganz haben, er will uns nicht mit anderen teilen.

Darum räumt Jesus aus, was Menschen neben Gott stel-len. Der Weg zu Gott soll wieder frei sein, es soll nichts zwischen uns und ihm stehen. Gott räumt aus.

Manche stellen beim Frühjahrsputz die ganze Wohnung auf den Kopf – bis in die letzte Ritze hinein wird geputzt und geschrubbt, damit alles wieder blitzt und strahlt. Einmal im Jahr muss das sein – sagen sie.

So muss Gott auch bei uns immer wieder ausräumen und uns reinigen. Alles Trennende soll verschwinden, ihm allein sollen wir gehören.

Gott muss in seiner Kirche immer wieder ausräumen. Die Reformatoren sagten: »Ecclesia semper reformanda est«: Eine Reformation reicht nicht. Die Kirche muss immer wieder, ständig reformiert werden, weil so schnell etwas anderes als das kostbare Evangelium von Jesus Christus wichtig wird.

Und Gott muss auch in unserem Leben immer wieder ausräumen. Es schleicht sich so vieles ein, was sich zwischen Gott und uns stellt.
In einem Lied von Manfred Siebald heißt es: »O Heilger Geist, kehr bei uns aus – so vieles muss aus uns ver-schwinden.« Ja, wir brauchen es, dass Gott bei uns im-mer wieder ausfegt, dass er uns reinigt.

Lassen wir Jesus doch auch bei uns alles ausräumen,
was wir neben Gott stellen. Lassen wir ihn doch auch Hochmut und Neid hinausräumen, Geiz und Hass.
Gott will auch bei uns ausräumen, denn er will in uns wohnen. Amen.




Dieser Artikel wurde von Pfarrer Bühner erstellt.

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