2009-06-07

Predigt über Johannes 3,1-15 / Pfarrer Reinhard Hoene, Amstetten

Predigttext aus Johannes 3,1-15: 

1 Es war aber ein Mensch unter den Pharisäern mit Namen Nikodemus, einer von den Oberen der Juden. 2 Der kam zu Jesus bei Nacht und sprach zu ihm: Meister, wir wissen, du bist ein Lehrer, von Gott gekommen; denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott mit ihm. 3 Jesus antwortete und sprach zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Es sei denn, dass jemand von neuem geboren werde,1 so kann er das Reich Gottes nicht sehen. 4 Nikodemus spricht zu ihm: Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Kann er denn wieder in seiner Mutter Leib gehen und geboren werden? 5 Jesus antwortete: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Es sei denn, dass jemand geboren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen. 6 Was vom Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; und was vom Geist geboren ist, das ist Geist. 7 Wundere dich nicht, dass ich dir gesagt habe: Ihr müsst von neuem geboren werden. 8 Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt. So ist es bei jedem, der aus dem Geist geboren ist. 9 Nikodemus antwortete und sprach zu ihm: Wie kann dies geschehen? 10 Jesus antwortete und sprach zu ihm: Bist du Israels Lehrer und weißt das nicht? 11 Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wir reden, was wir wissen, und bezeugen, was wir gesehen haben; ihr aber nehmt unser Zeugnis nicht an. 12 Glaubt ihr nicht, wenn ich euch von irdischen Dingen sage, wie werdet ihr glauben, wenn ich euch von himmlischen Dingen sage? 13 Und niemand ist gen Himmel aufgefahren außer dem, der vom Himmel herabgekommen ist, nämlich der Menschensohn. 14 Und wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, 15 damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben.“

Liebe Gemeinde!

»Aus alt mach neu« – »Vorher, nachher« – »Mit 59 noch wie 39 sein, die neue Hautcreme macht’s möglich«. 

Überall begegnen wir in der Werbung Empfehlungen, wie wir für relativ wenig Geld viel Wirkung erzielen können. 

Im Eingangsbereich des Einkaufszentrums steht ein freundlicher Herr mit dem Firmenlogo auf dem knallgrünen Polo-Shirt. Er erklärt Ihnen, wie aus alten Zimmertüren neue werden. Die Ausstellungsstücke sprechen für sich und sichtbaren Erfolg. Es ist in der Tat verblüffend. Eine Spezialfolie überzieht alte Schrammen und alle Macken werden unsichtbar. Alle Türen erstrahlen in neuem Glanz.

Keine Fernseh-, Koch-, Frauen- oder Männerzeitschrift kommt ohne Werbung aus, schon gar nicht ohne die neueste und nachhaltigste Abnehmdiät. Ein Vorher-Nach-her-Bild unterstreicht die Wirkung: zur Model- oder Tarzan-Figur trennen mich nur 14 Tage. »Sie fühlen sich wie ein neuer Mensch« lautet das Versprechen.

Es ist der Menschheitstraum seit jeher: Ob »Altweiber-mühle«, »Jungbrunnen« oder »Anti-Aging-Creme«, es geht immer um dasselbe: wie kann Altes neu werden, wie kann ich alt werden und dennoch jung bleiben, wie gelingt es, noch einmal von vorn anzufangen.

Nikodemus war ein Fachmann in Sachen Religion. Er gehörte der obersten Führungsriege des damaligen Ju-dentums an. Als Lehrer hat er schon viele junge Men-schen beim Erwachsenwerden begleitet. Und als solcher war er ganz nah dran an den Sorgen und Nöten junger Leute. 

Auch in der Seelsorge begegneten ihm Menschen, die mit dem Leben nicht mehr fertig wurden. Dauernd wurde er dabei mit der dunklen Macht der Sünde konfrontiert, die Menschen kaputt macht. Und eines hat er dabei ganz sicher gespürt: Da hilft keine Spezialfolie, die man ein-fach über tiefe Verletzungen spannt. Keine Luftverände-rung verhilft zu einem neuen Lebensgefühl. Da nutzt weder Null-Diät noch Anti-Falten-Creme, um neu zu werden. So werden allenfalls oberflächlich sitzende Schäden behoben, doch die Sünde sitzt viel tiefer. Der ganze Mensch muss erneuert werden.

Ein Pharisäer kommt bei Nacht

Nikodemus war beileibe nicht der einzige Pharisäer, der Kontakt zu Jesus hatte. Wenn es so etwas gegeben hätte wie eine VCP, eine »Vereinigung Christlicher Pharisäer«, dann hätten Leute wie Jairus (Markus 5, 22ff), Si-mon (Lukas 7, 36ff), da hin gepasst. Und eben auch Nikodemus, der als einer der ersten seiner Zunft sich per-sönlich an Jesus heranwagte. 

Der dunkelnde Tag am Abend und die einbrechende Nacht eignen sich gut, um solche Gespräche zu führen. Bei einem Glas roten Galiläers ist ein Rahmen geschaffen, in dem sich mal ganz offen reden lässt. 

Von Jesus hatte Nikodemus schon viel gehört: Gutes, Widersprüchliches, Gerüchte. »Ich muss dringend mit ihm sprechen« nahm er sich vor. Und so klopft er eines Nachts bei Jesus an. Er ist kein Freund langer Vorreden und kommt daher gleich zur Sache: »Jesus, wir wissen, du bist ein Lehrer und kommst direkt von Gott. 

Die Zeichen, mit denen du dich ausweist, sprechen für sich. Gott ist mit dir, das kann jeder sehen, der es sehen will und die Heiligen Schriften kennt (Jesaja 35).«

Die Frage »Jesus, bist du der Messias?« steckt somit zwischen den Zeilen der Aussagen, die Nikodemus hergeführt haben. Aber er traut sich nicht, sie direkt zu stellen. Zu ungeheuerlich kommt sie ihm zum jetzigen Zeitpunkt vor. Es wäre einfach zu wunderbar, um wahr zu sein, wenn Nikodemus leibhaftig vor der Erfüllung aller Ver-heißungen der Propheten stünde. Jesus Christus wäre demnach der Gesalbte des lebendigen Gottes. Welch eine Begegnung! Alles Suchen und Sehnen hätte ein Ende. 

Doch in diesem Moment ist es noch Nacht im Herzen dieses Mannes. Zu aufgewühlt sind die Seelen der Men-schen im Volk. Weder damals die Römer noch irgend eine Nation heute tragen zur Entspannung der politischen Verhältnisse bei. Eine Besserung der Sachlage Israels ist nicht in Sicht. Allein der Messias könnte alles erneuern. Noch nicht einmal die strengen Pharisäer und Gesetzes-hüter schafften es, die Voraussetzungen für sein Kommen zu erfüllen. 

Dass dies auch gar nicht erforderlich war, konnte Nikodemus freilich noch nicht ahnen. Die Begegnung mit Jesus sollte ihm Klarheit bringen. Aus seiner Nacht kann heller Tag werden.

Im Grunde ist es unsre Situation: Was man so als durchschnittlicher Christ von Jesus weiß, ist nicht gerade viel. Es ist sicher kaum mehr, als Nikodemus vor seinem nächtlichen Erlebnis aufzuweisen hatte. Es geht ja bei Jesus um mehr als nur um Katechismus-Wissen oder gar ein Theologie-Studium. 

Es geht um die Hingabe des eigenen Lebens an Jesus, den Sohn Gottes. Es geht um schlichtes Vertrauen in Jesus. Dass ich annehme, dass er um meinetwillen das ganze menschliche Elend bis hin zu seinem Sterben am Kreuz auf sich nahm. 

Jesus hätte es beim Vater im Himmel viel besser gehabt. Und doch: »Weil Du es ihm wert bist«, weil ich es ihm wert bin, »wählte er die Nägel«, so ein Buchtitel eines bekannten Autors unsrer Tage (Max Lucado). 

Aus Liebe auch zu Nikodemus wählte Jesus seinen Weg. Und so freut Jesus sich, dass Nikodemus zu ihm kommt. Er sollte diese Begegnung niemals vergessen.

Der Schritt aus dem Dunkel

In Fernsehkrimis gehört es dazu: aus dem Schatten eines nächtlichen Hauseingangs löst sich eine dunkle, unbe-kannte Gestalt. Der Zuschauer weiß nicht wer es ist, bis die betreffende Person in den Lichtkegel der Straßenbeleuchtung tritt.

Nikodemus ist aus dem Schatten getreten und – begegnet dem »Licht der Welt« (Johannes 8, 12). Er tritt aus dem Schatten, sein Gesicht wird sichtbar. Ja, er ist ein Phari-säer. Wir wissen, wie negativ der Begriff besetzt ist. Mit den Pharisäern hat Jesus am meisten Streitgespräche geführt. Pharisäer, das sind Heuchler, blinde Blindenfüh-rer, die alles so wörtlich nehmen. Dieses Recht-Machen-Wollen hat mitunter seltsame Blüten getrieben.

Aber sind wir als Christen da so ganz frei davon? Haben wir nicht auch alle unsre ganz speziellen Vorstellungen bezüglich Verhalten, Kleiderordnung oder der Temperatur des Taufwassers? 

Natürlich ist das ein wenig spitz formuliert, aber wir müssen uns auch fragen lassen, wie wichtig das alles im Lichte Jesu einmal sein wird!

Darum müssen wir nun als Hörer dieses Bibelabschnitts aufpassen, dass wir Nikodemus nicht gleich von vornherein Unrecht tun. Er tritt ja heraus aus dem Schatten seiner Institution, des Hohen Rats. Er tritt heraus aus der Dunkelheit, die über all ihren Herzen liegt. Er tritt heraus aus allem Vorgestanzten, wie genau Jesus und das Leben mit ihm auszusehen hat. Er tritt heraus aus dem Main-stream der öffentlichen Meinung über Jesus und will ihn selber richtig kennenlernen. 

Das ist gut! Ich wünschte mir mehr solche Menschen, die zu Jesus wollen. Er begegnet ihm hier persönlich, nicht amtlich, sozusagen ohne Protokoll und erlebt eine echte Überraschung.

Jesus nämlich ist auch kein Freund langer Umschweife. Ohne auf die Höflichkeitsfloskeln seines Gesprächspartners einzugehen, kommt auch er gleich zur Sache: »Sicher und gewiss ist, was ich dir jetzt sage: Nur wer von neuem (wörtlich ›von oben‹) geboren wird, kann das Reich Gottes sehen.«

Es geht nicht um Kosmetik, es geht nicht um Übertünchung schadhafter Stellen, es geht nicht um Runderneuerung eines abgefahrenen Reifens, es geht nicht um Anstrengung oder die richtige Diät, um ein neuer Mensch zu werden. Es geht um radikal Neues, etwas vollkommen Anderes als bisher. 

Das neue Leben liegt nicht in der Hand des Menschen. Das neue Leben aus Gott kann ihm nur geschenkt werden. „Geboren werden“ ist darum der richtige Ausdruck. Geboren wird man – man gebiert sich nicht selbst! Und diese Geburt geschieht von oben her, direkt von Gott durch das Wirken des Heiligen Geistes (V. 5).

»Es war ein Mensch …mit Namen Nikodemus« (V. 1) – ein Mensch begegnet dem Menschensohn. Es ist das größte Wunder der Weltgeschichte, wenn ein sündiger, dem Tode verfallener, schwacher Mensch mit dem lebendigen Gott in Berührung kommt. Ein Mensch begegnet dem Menschensohn! 

Wie wahrscheinlich es ist, dass ein Bürger Deutschlands seinen Bundespräsidenten trifft, selbst wenn er nach ihm verlangt, vermag kaum ein Mathematiker auszurechnen. 

Und das liegt nicht bloß am Terminkalender. 

Aber wenn wir uns den unendlich hohen, heiligen und allmächtigen Rang des lebendigen Gottes vorstellen: mathematisch gesehen ist die Wahrscheinlichkeit gleich Null, dass es je mit einem Sünder zur Begegnung kommt. Aber gerade diese Begegnung wünscht sich Gott, unser Vater, aus lauter Liebe. Denn für Sünder hat Jesus alles übrig, ja er hat sein ganzes Leben eingesetzt und mit seinem Tod besiegelt.

»Ist jemand in Christus, dann ist er eine vollkommen neue Schöpfung. Das Alte ist ein für alle mal vorbei, siehe, Neues ist geworden!« (2. Korinther 5, 17).

Was vorerst noch dunkel blieb

Nun macht es Nikodemus, wie es normalerweise alle tun. Nach dieser Steilvorlage Jesu kann man ja nicht gleich sein Leben so radikal umkrempeln. 

»Ich hab doch auch nicht total unrecht und ich meine es doch recht. So schlecht bin ich doch auch nicht. Da gibt’s ja noch viel Schlimmere! Und überhaupt, an anderen Religionen ist doch auch was dran!?« 

So wird diskutiert und nochmal diskutiert und solange man das tut, braucht man sich ja nicht zu ändern und zu entscheiden! Das ist die Masche bis heute!

Und so diskutiert Nikodemus: »Wie soll das denn mit der Geburt bitteschön zugehen? Alt bin ich, alle Anti-Aging-Programme sind bei mir fehlgeschlagen. Ich kann doch nicht in meinem Leben bis zum Kreißsaal zurückgehen!«

 

Das ganze weitere Gespräch ist von solch einem Diskussionsgeist geprägt. Der Heilige Geist hat keine Chance, zur Wirkung zu kommen. Und so ist klar, dass alles wei-tere für Nikodemus im Dunkeln bleibt. Die Frage nach einer Geburt durch den Geist (V. 5–8) bleibt ebenso dunkel wie das Bildwort von der erhöhten Schlange  (V. 15). Dass der göttliche Erlösungsauftrag Jesus ans Kreuz führen wird, kann er (noch) nicht verstehen. Das begreift nur, wer sich im schlichten Glauben auf Jesus einlässt und erkennt, welch ein verlorener Sünder er ohne Jesus bleibt!

Mit Jesus ist es eben anders als beim Kauf eines neuen Autos. Da will nämlich jeder zuerst alles darüber wissen: wie viel Leistung, welche Ausstattung, Sicherheitsreser-ven oder Verbrauchswerte? Wie bediene ich diesen Schalter oder jenen Hebel? Kann ich den Sitz, den Spiegel, den Kofferaum- und Tankdeckel elektrisch betätigen usw.? Man will zuerst alles wissen, bevor man sich auf einen Kauf einlässt.

Auf Jesus muss ich mich zuerst einlassen, dann werde ich im Laufe der Zeit das Weitere auch verstehen lernen. »Erst, wer an ihn glaubt, hat Anteil am ewigen Leben!« (V. 15).

Wie es dann doch noch hell wurde

Nicht weil wir alle ein Happy-End lieber haben oder das von Hollywood-Filmen so erwarten, aber die Geschichte mit Nikodemus geht doch noch sehr erfreulich weiter. Johannes beschreibt ihn später als einen mutigen Bekenner, der im Gremium des Hohen Rates nicht bloß die Tagesordnung abgenickt hat (Johannes 7, 50–52). 

Er war ein Jünger Jesu geworden. Er wurde von neuem geboren. Wir wissen nicht, wie genau, auch nicht wann es geschah. Das ist der Bibel nicht wirklich wichtig. Aber dass er zu diesem neuen Leben gefunden hat, das wissen wir: Er war dabei, als die engsten Freunde von Jesus seinen Leichnam vom Kreuz nahmen und ihn bestatteten (Johannes 19, 39). Nikodemus bekannte sich zum gekreuzigten Jesus. Er hat das ewige Leben, weil er an Jesus glaubte.

Und ich kann Sie nur von Herzen einladen: diskutieren Sie sich nicht an Jesus vorbei. Lassen Sie sich auf ihn ein, vertrauen Sie ihm Ihr Leben an. Dann wird das Ver-sprechen von Jesus wahr: Sie werden das Reich Gottes sehen und in der ewigen Gemeinschaft bei Gott sein!   Amen. 




Dieser Artikel wurde von Pfarrer Bühner erstellt.

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