2009-06-01

Predigt über Matthäus 16,13-19 / Dekan i. R. Albrecht Becker, Giengen a. d. Brenz

Predigttext aus Matthäus 16, 13-19: 

13 Da kam Jesus in die Gegend von Cäsarea Philippi und fragte seine Jünger und sprach: Wer sagen die Leute, dass der Menschensohn sei? 14 Sie sprachen: Einige sagen, du seist Johannes der Täufer, andere, du seist Elia, wieder andere, du seist Jeremia oder einer der Propheten. 15 Er fragte sie: Wer sagt denn ihr, dass ich sei? 16 Da antwortete Simon Petrus und sprach: Du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn! 17 Und Jesus antwortete und sprach zu ihm: Selig bist du, Simon, Jonas Sohn; denn Fleisch und Blut haben dir das nicht offenbart, sondern mein Vater im Himmel. 18 Und ich sage dir auch: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen. 19 Ich will dir die Schlüssel des Himmelreichs geben: Alles, was du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein, und alles, was du auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel gelöst sein.“

Liebe Gemeinde,

dann ist bei uns selber Pfingsten geworden, wenn wir in dieses Bekenntnis des Simon Petrus einstimmen können: Du bist Christus, hebräisch: der Messias, zu Deutsch: der gesalbte König Gottes, der Herr der Welt, der Sohn des lebendigen Gottes.

1. 

Das können wir uns nämlich nicht selber sagen. Das können wir nicht als logische Schlussfolgerung aus einer intensiven Beschäftigung mit der Geschichte schließlich herausbekommen. Das können wir nicht durch gründliches Nachdenken erwerben. Auf diese Weise kann man auch zu anderen Folgerungen gelangen. So kann es auch zu Skepsis und Zweifel und Ablehnung kommen. Und wenn wir die Welt ansehen, wie sie sich uns täglich zeigt, dann könnten wir auch an Gott irre werden und daran, dass er hier regiert.

Nein, wer Jesus ist, das erfahren wir weder durch Beobach-ten der Welt, noch allein durch Nachdenken oder wissenschaftliches Nachbohren. Wer Jesus ist, das entdecke ich auch nicht, wenn ich in die Kirchengeschichte schaue oder wenn ich die Christen näher in Augenschein nehme. Ja, das erfahre ich nicht einmal, wenn ich mich dran mache, eine Biographie über Jesus zu schreiben. Es gab in der Geschichte gar nicht wenige, die das versucht haben. Aber wer er wirklich ist, haben sie dabei nicht entdeckt.

Es gab sogar Menschen, die Jesus begegneten. Auge in Auge standen sie vor ihm. Sie hörten ihn predigen. Sie sahen, wie er Kranke heilte, wie er Menschen von bösen Mächten befreite und wie er Tote auferweckte. Und die einen sagten: »Der spinnt!«, andere: »Der steckt mit dem Teufel im Bund!« und nochmals andere sagten: »Der muss beseitigt werden.« 

Manche meinten es auch gut mit ihm. Sie waren beein-druckt. Sie fanden für ihn nur die höchsten Vergleiche, die man sich denken kann. So sprach man von ihm als Propheten. Heute reihen viele Jesus unter die ganz großen Religionsstifter ein. Sie sehen in ihm den Stifter ei-ner der großen monotheistischen Weltreligionen. Sie achten ihn als den Begründer der Ethik einer konsequenten Nächsten- und Feindesliebe. Der Größte von allen. Auch im Islam genießt Jesus die Verehrung als ein gro-ßer Prophet. Und das Judentum schätzt ihn als den »Bru-der Jesus«. Es gesteht ihm gerne zu, dass er der größte der Propheten Israels ist. Aber eben einer unter anderen. Einer von ihnen, wenn auch der Allergrößte.

Aber wenn sich das Pfingstwunder ereignet – und ein Pfingstwunder war das, was sich an Simon Petrus ereignet hatte, nicht weniger –, dann wird Jesus nicht nur zu 

einem der Großen, nicht einmal zum Größten, dann 

erkennen wir ihn als den Einzigen, als den Einzigartigen, als den Unvergleichlichen. 

Dieses Pfingstwunder brauchen wir. Das brauchen wir, dass das immer neu geschieht, dass uns Gott durch seinen Geist sagt, was wir uns nicht selber sagen können.

»Du, Jesus, bist der Christus. Und den gibt es nur einmal. Du bist von Gott eingesetzt zum Herrn aller Herren.« 

Simon Petrus hatte hier bereits eine Ahnung von dem, was jetzt noch nicht vor aller Augen stand, aber was Gott nachher bestätigt hat, als er Jesus am Ostermorgen aus dem Tod auferweckte. 

Vor Augen sah auch Simon Petrus nur einen Wanderprediger. Vor Augen sah er einen Mann, von dem man seitens der religiös Verantwortlichen verlangte, er solle sich als der von Gott Gesandte legitimieren. Dann würde man an ihn glauben. Äußerlich sah Simon Petrus einen, der außer Landes gegangen war, weil man ihn verkannte, missverstand und ihm nachstellte. Aber wenn man nur so nach dem Augenschein geht oder gar nach dem, was man zu sehen bekommt, wenn man uns Christen beobachtet, dann kommen schnell solche Sätze wie: »Erlöster müssten mir seine Jünger aussehen« (1), damit ich an ihren Erlöser glaube, oder: »Solange es so ungerecht auf der Welt zugeht, kann ich an ihn nicht glauben.« Von außen sah er den, von dem man verlangte und bis heute ver-langt, er solle sich legitimieren. Aber er lieferte diese geforderte Legitimation nicht.   

Aber in Wirklichkeit ist Jesus der, der von Gott zum Herrn bestimmt ist. Damals schon zeigte Gott dem Simon Petrus, was er später bestätigt hat, als er Jesus aus dem Tod auferweckte: Du bist der Christus, der von Gott zum Herrn Bestellte. Und so hat ihn Gott bestätigt: König der Könige, Herr aller Herren, der wiederkommen wird zu richten die Lebenden und die Toten. Bestimmt hat ihn Gott zu dem, dem die Zukunft gehört. In diesem Bekenntnis liegt es beschlossen: »Die Herren dieser Welt gehen, aber unser Herr kommt« (2). Diese Welt wird vergehen, aber Jesus wird kommen. Ihm wird die Zukunft gehören. 

Das alles liegt in den Worten: Du bist Christus. 

Diese Worte können wir dem Simon Petrus zwar auch nachsprechen. Aber dass uns das bewegt, dass das zu unserem Bekenntnis wird, das kann ich nicht machen. Das kann kein Mensch machen. Das kann nur Gott durch seinen Geist schenken. Und wo er das schenkt, da ist Pfingsten geworden. Paulus fasst diesen Sachverhalt in die Worte: »Niemand kann sagen: Jesus ist der Herr, ohne durch den Heiligen Geist« (3).

Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes. Wer kann dies Wunder fassen: Gottes Sohn ist einer von uns geworden? Dieser Mensch, der vor Simon Petrus steht ist Gottes Sohn. Und bald wird der römische Offizier, der die Kreuzigung zu leiten hat, noch ganz anderes bekennen: der Mensch, der soeben am Kreuz gestorben ist, ist Gottes Sohn. Und Simon Petrus erkennt: Er ist der Christus. Er ist der, der zum Herrn nicht nur für Israel, sondern zum Herrn der ganzen Welt, zum Herrn des Himmels und der Erde bestimmt ist. Richtig aufgehen wird ihm dies erst dann, wenn Gott ihn aus dem Tod auferwecken wird. Aber sagen und bekennen darf er es jetzt schon. 

Nein, im Gehirn des Simon Petrus ist das nicht entstan-den. Das war nicht das Ergebnis seines Nachdenkens. Das hat ihn Gott durch seinen Geist erkennen lassen. 

Und auch wir können uns zu Jesus als dem Mensch gewordenen Sohn Gottes und als dem Herrn über den Himmel nur bekennen, wenn Gott uns das selbst deutlich macht durch den Heiligen Geist. 

Aber beten können wir darum, dass er uns für dieses Geheimnis öffnet, es uns offenbart wie dem Simon Petrus. Und wenn wir dafür dankbar werden, dass er, der Sohn Gottes, an unserer Stelle gestorben ist, dass er nun unser Herr ist, wenn wir darüber froh werden, dass er der Herr über alles ist, dann ist Pfingsten geworden nicht nur auf dem Kalender, sondern in unserem Leben. 

Dann haben wir, was wir zum Leben und zum Sterben brauchen: Du bist der Christus, du, der für uns gestorben ist. Das wirkt der Heilige Geist, nicht mehr, und nicht weniger: »Ich glaube, dass Jesus Christus, wahrhaftiger Gott, vom Vater in Ewigkeit geboren, und auch wahrhaf-tiger Mensch, von der Jungfrau Maria geboren, sei mein Herr. Der mich verlorenen und verdammten Menschen erlöst hat, erworben und gewonnen von allen Sünden, vom Tod und von der Gewalt des Teufels, nicht mit Gold oder Silber, sondern mit seinem heiligen, teuren Blut und mit seinem unschuldigen Leiden und Sterben, auf dass ich sein eigen sei und in seinem Reich unter ihm lebe und ihm diene in ewiger Gerechtigkeit, Unschuld und Seligkeit; gleichwie er ist auferstanden vom Tod, lebt und regiert in Ewigkeit. Das ist gewisslich wahr« (4).

Das sagt uns nicht Fleisch und Blut, aber das sagt uns Gott durch seinen Geist. 

2.

Und durch diesen Geist fügt er uns zusammen als seine Gemeinde. Simon Petrus ist der erste, der dies erkannt hat. Und auf ihn, dem Gott als erstem offenbart hat, wer Jesus ist, baut sich die Gemeinde aller Zeiten auf. 

Jesus verwendet dabei ein Wortspiel, das man im Deutschen nur andeutungsweise ausdrücken kann: Du, Simon, der du dies ausgesprochen hast, bist der Felsenmann. Auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen. Die Wurzeln der einen heiligen christlichen Kirche, die wir im Glaubensbekenntnis bekennen, liegen also schon vor Ostern. Die christliche Kirche geht auf Jesus zurück. Er hat diese Kirche gewollt. Er hat sie vorausgesehen. Er hat sie ge-schaffen. Und er, Jesus selber, und er allein, hat den Bau begonnen mit dem Jünger, der als erster ausgesprochen hat, wer Jesus ist.

Seitdem baut Jesus an diesem Bau seiner Gemeinde weiter. Seitdem baut er seine Gemeinde schon hier auf der Erde Stein auf Stein weiter auf dem, der es als erster ausgesprochen hat, wer Jesus ist. Und er baut sie weiter, indem sie das Bekenntnis dieses ersten Bekenners auf-nimmt.

In dieser Eigenschaft ist Petrus tatsächlich einmalig und grundlegend für die Kirche. Aber Nachfolger bekommt er nicht dadurch, dass sich Menschen von ihm herleiten, sondern dadurch, dass sich Menschen finden, die wie er Jesus als den Herrn, den Christus bekennen und sich zu ihm halten. Denn die Kirche ist nicht auf Menschen ge-gründet, sondern auf Christus und baut sich auf ihm auf. Petrus ist der erste Stein, der erste, der das Bekenntnis gesprochen hat, auf dem nun wir über die Jahrhunderte aufbauen. Und wo dies Bekenntnis zu Jesus als dem Christus, als dem Herrn gesprochen wird, da ist Kirche. Da wirkt Gott durch seinen Heiligen Geist.

Deshalb hat Martin Luther in seiner Erklärung zum 3. Artikel des Glaubensbekenntnisses es so formuliert: »Ich glaube, dass ich nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesus Christus, meinen Herrn, glauben oder zu ihm kommen kann; sondern der Heilige Geist hat mich durch das Evangelium berufen, mit seinen Gaben er-leuchtet, im rechten Glauben geheiligt und erhalten« (5). Das hat Simon Petrus erfahren.

Und Martin Luther fährt fort, genau im Sinn dessen, was Jesus hier dem Simon Petrus sagt: »gleichwie er die ganze Christenheit auf Erden beruft, sammelt, erleuchtet, 

heiligt und bei Jesus Christus erhält im rechten, einigen Glauben.«

3.

Was in dieser Kirche geschieht, was die Menschen, die in diese Kirche berufen sind, im Gehorsam gegen Jesus tun, das hat Folgen für die Ewigkeit. Martin Luther fährt fort: »in welcher Christenheit er mir und allen Gläubigen täglich alle Sünden reichlich vergibt und am Jüngsten Tage mich und alle Toten auferwecken wird und mir samt allen Gläubigen in Christus ein ewiges Leben geben wird. Das ist gewisslich wahr.«

Wo ein Mensch hier im Hören der Predigt, im Geschehen von Beichte und Absolution von seiner Sünde gelöst wird und so wieder in Beziehung zu Jesus Christus steht, da gilt das weiter über den Tod hinaus. Freilich, das ist nicht der Willkür dessen überlassen, in dessen Gegenwart Sünde bekannt wird. Sondern Jesus möchte, dass Menschen von ihrer Sünde gelöst werden. 

Wo ein Mensch sich aber davon nicht befreien lassen will, da bleibt sie bestehen bis zu dem Tag, an dem er Jesus als den Christus erkennen und ihm begegnen wird. Das freilich wäre genau das Gegenteil von dem, was Jesus möchte. Denn dazu ist er gekommen, dazu hat er für uns gelitten. Dazu ist er gestorben. Dazu hat ihn Gott zum Christus gemacht, dass wir von unserer Sünde gelöst werden. Dass wir frei werden. 

Dazu hat er uns den Heiligen Geist gegeben. Denn der Heilige Geist führt uns zum Bekenntnis, zur Gemeinde, ja zum Leben bei und mit Jesus, dem Herrn. Darum bitten wir: Komm, Heiliger Geist, Herre Gott.   

Amen.

Anmerkungen:

(1)  Friedrich Nietzsche

(2)  Gustav Heinemann

(3)  1. Korinther 12, 3

(4)  Martin Luthers Erklärung zum zweiten Glaubensartikel

(5)  Martin Luthers Erklärung zum dritten Glaubensartikel 

      (auch die folgenden Zitate)




Dieser Artikel wurde von Pfarrer Bühner erstellt.

Dienstag, 18.12.2018
19:45 Uhr:
Chorprobe im GH in Schwann
Sonntag, 23.12.2018
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Montag, 24.12.2018
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Christvesper, Christuskirche Dennach (Pfr. Held)
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